Mir wird er fehlen

Am Ende war die totale Nonchalance fast schon zur Blasiertheit erstarrt. "Ach ja, und tschüss". Dann war er weg. Keine Tränen, kein Gewese. Vier Worte, drei davon ohne inhaltliche Bedeutung und 17 Jahre waren zu Ende. Einfach so. Er selbst hätte vielleicht mit einer seiner Lieblingsformulierungen kommentiert: Ein Abschied "von ergreifender Schlichtheit". Marcel Reif geht. Mir wird er fehlen, trotz allem.


Pole
Manche sagen jetzt, er sei einer der letzten, die polarisiert hätten. Das stimmt nicht ganz und das ist auch nicht der Punkt. Fuß polarisiert mit seinem "zuweilen" (eines dieser Worte, die ich nur von Reif kenne) mätzchenhaften Wortwitz so sehr wie Lindemann mit der wortreichen, finanzbeamtenhaften Gründlichkeit, mit der er einen Mittelfeldzweikampf in einem durchschnittlichen Sonntagsnachmittagsspiel zu schildern vermag oder Thurn und Taxis mit seiner ins Operettenhafte abgleitenden kindischen Begeisterungsfähigkeit.

Dass ihm Fans aller möglichen Vereine unterstellten, dem verhassten Rivalen des eigenen Herzensclubs nahezustehen, machte seine Wirkung auch nicht aus. Das erzählt vielmehr etwas über die inhaltliche Dürftigkeit vieler von denen, die ihn immer angingen.

(Insofern mal am Rand: Google, Youtube und das Wissen der Welt sind einen Mausklick entfernt. Reif hat in den späten Neunzigern seine Zuneigung zum 1. FC Kaiserslautern öffentlich gemacht. Man könnte das natürlich suchen, bevor man ihn als "Bayernsau" oder "BVB-Schwein" beschimpft, aber die Trollerei ist halt soviel einfacher.)

Nein, Reif polarisierte intelligent, mit etwas, das wohl für viele, die vom "Lebensinhalt Fußball" sprechen, die maximale Provokation darstellt: mit der vollen und zur Schau getragenen Kenntnis der mittelmäßigen Bedeutung dessen, was er tat. Die salbungsvolle Scheinerhabenheit, mit der Altvordere heute Anekdoten aus dem Mannschaftsquartier der WM 1986 erzählen, ging ihm zum Glück immer ab. Schöne Geschichten aus der biernebeligen Eckkneipe, die der gute alte deutsche Draxler-Fußball früher war, kenne ich von ihm nicht.

Anders: Was ich an Marcel Reif so schätzte, war die realistische Betrachtung der eigenen (Un-) Wichtigkeit. Reif wusste stets zu unterscheiden zwischen den (Markt-) Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie einerseits und der inhaltlichen Bedeutung von Gegenständen und Subjekten der öffentlichen Aufgeregtheit, zu denen er selbst so oft gehörte wie kein anderer Fußballreporter, andererseits. Fußball also mag ein Gegenstand ständiger Berichterstattung sein, doch die Aufmerksamkeit ist eben nicht verdient, sondern nur der Nachfrage geschuldet.

Es war diese Kenntnis, die er ohne Rücksicht auf ihre Popularität durchblicken ließ, wenn er ein Spiel als das erkannte und beschrieb, was es eben oft ist, wenn man jede Woche bis zu drei davon kommentiert: mäßig. Wenn wir uns denn schon die Mühe machen, das "Kleine-Jungs-Spiel" mit absurdem technischem Aufwand zu übertragen, dann möge es doch bitte wenigstens amüsant sein. Dass er als Ästhet persönlich von gruseligen Darbietungen auf dem grünen Geviert beleidigt war, wie man derzeit oft lesen kann, mag hier und da hinzugekommen sein.

Es war wohl auch diese Selbsterkenntnis, die ihn daran hinderten, ein Bundesligaspiel irgendwann im Februar zum Event hochzujazzen. Wenn schon ein Champions-League-Finale im Weltmaßstab ein feuchter Furz und oft dürftige Unterhaltung ist, was ist dann Bremen gegen Dortmund bei nasskaltem Wetter am 23. Spieltag der Saison XYZ, vor allem wenn dann auch noch fußballerische Magerkost kredenzt wird?

Bescheidenheit ist eine Zier
Das ist ihm als Arroganz ausgelegt worden und – ohne ihn zu kennen – die von euphemistischen Formulierungen getragene Bescheidenheit schien nie ganz echt, jedenfalls war sie oft genug offenkundig nur Pose. Dass er sich in der Rolle als phasenweise einziger Fußballintellektueller dieses Landes ganz gut gefiel, meine ich gemerkt zu haben. Und da beginnt mein Problem mit ihm in den letzten Jahren.

Die relativistische Distanz, mit der er den modernen Zirkus namens Profifußball verfolgte, war aus der hysterischen, im Stundenrhythmus über neue Themen freidrehenden Zeit gefallen. Aber das war sicher nicht mein Problem. Mein Problem war, dass er diesen Habitus so pflegte, dass ihm am Ende Desinteresse, ja zuweilen Verachtung des Objekts seiner Kommentare aus allen Poren zu kriechen schien. So schlug irgendwann der wohltuende Versuch vernünftiger Einordnung anstelle von Marktschreierei tatsächlich in Überheblichkeit um.

Abgesehen davon, dass das nur mein Eindruck, keine Tatsache ist: Das muss gar keine persönliche Schwäche gewesen sein. Es war vermutlich einfach der ständigen Begleitung der größten Spiele der Welt geschuldet. Wenn man annähernd 20 Champions League Finals kommentiert hat, ist die Fokussierung auf ein Pokalviertelfinale vielleicht auch ein bisschen zu viel verlangt.

Der Niedergang
Mich hat die Verwechslung von Spielernamen nie gestört (wenngleich sich mir generell der Mehrwert der Nennung aller 20 Stationen einer Pep-Barca-Ballstafette nie erschlossen hat). Was mich störte, war, dass er zuletzt anfing, Namen von Spielern aufzusagen, die nicht einmal auf dem Feld standen. Das muss, das kann nur mangelnder Vorbereitung geschuldet gewesen sein, und das empfinde ich gerade als jemand, der ihn immer mochte, - ich versuche mich jetzt wieder an einer Reifimitation - als allenfalls mittelmäßig nachvollziehbar.

Der Sprachwitz, der ihn einst so auszeichnete, schliff ab, die Stilistik erschöpfte sich mehr und mehr im Rückgriff auf das vermeintlich Bewährte, auch das vielleicht nur eine Folge der Marcel-Übersättigung. Wenn bei einer zurückliegenden Mannschaft "noch was gehen soll, dann muss es schnell gehen", ein einseitiges Spiel wirkte dann wieder und wieder "wie Jungs gegen Männer". Vieles, was er sagte, war dann tatsächlich - Reif-Zitat - "nicht (mehr, Anm. des Unterzeichners) übermäßig originell" (oh, die Ironie).

Immer häufiger erging er sich in erkennbarer Unlust in phrasenschweinpflichtigen Analysen (wobei ich ihm hoch anrechne, dass er sich von der Fremdschamrunde am Sonntag Morgen seit Brückners Zeiten weit entfernt hielt), die diesen Namen kaum verdienten, so auch in seinem letzten Einsatz am Samstag.

Vor dem kurzen Servus redete er vom würdigen Sieger Real Madrid. Wer am Ende den Pott gen Himmel recke, der habe es eben auch verdient. Das ist eine Analyse, die mir jeder Volontär vorbeten kann. Für solche und ähnliche Kommentarattrappen brauche ich keinen Grimme-Preisgewinner.

Der moderne Fußball
Er war aber auch ein Opfer der Umstände. Wenn er, der die Zuschauer früher mit sicherer Hand und ebensolchem Gespür als Solist durch ein Spiel geleitete, "an den Tisch schalten" oder Schwachsinnsgrafiken über die realtaktische Aufstellung ablesen musste, gruselte es einen.

Die noch schlimmere Verschwendung seines Chronistentalentes war aber die grausige Cross Promotion Strategie des Arbeitgebers, der ihn zwang, dem wehrlosen Bundesligazuschauer "Game of Thrones" aufzudrängen oder vom neuesten Blockbuster auf "Sky select" vorzuschwärmen, von dem man wusste, dass er ihn selbst nie gesehen hat, weil er es für völlige Zeitverschwendung gehalten hätte.

Ein Prozess
Dieser teils haus-, teils fremdgemachte Niedergang war in Wahrheit auch nicht neu. Es reden jetzt alle von dem Torfall und dem Sommermärchen und den Preisen für Japan und Korea. Dass all diese Meriten so alt sind, dass sie einstauben, ist kein Zufall.

Der Abstieg war schleichend, aber lang. Es ist acht Jahre her, dass er den FC Chelsea mit vorpräparierten Chronistensatzbauteilen zum Sieger der Champions League ausrief, bevor er nach gefühlten Ewigkeiten feststellte, dass Terrys Elfmeter vorbeigegangen war, ein Moment aus dem Réthylehrbuch für kommentatorenuntaugliche Wahrnehmungsverzerrung.

Das peinliche On-Air-Gebrüll, gerichtet an die Unfähigen im Übertragungswagen, am letzten Bundesligaspieltag 2006 war ein Blick in die Fratze eines Cholerikers, der sich selbst weder einzuschätzen noch zu beherrschen weiß und diese Unfähigkeit nach unten durchzureichen versucht.

Erinnerungen: Lupfen jetzt!
Und doch: Er blieb das Unikat, das er war, bis zum Ende. Mir wird er fehlen. Der polyglotte Charme war nie aufgesetzt, sondern der eigenen Vita zu danken. Er kannte die Städte außerhalb der Stadien, aus denen er berichtete.

Die Distanz zum Sujet war immer - gerade in den Eventisierungszeiten - wohltuend, auch wenn er sie manchmal ein bisschen zu selbstgefällig zum Markenkern erhob. Er machte sich nie gemein, er blieb immer bei sich und der Aufgabe der Einordnung.

So stellte er dann im Tränenmeer des emotional schlandbesoffenen Westfalenstadions schwimmend anno 2006 fest: "Italien führt mit 1:0 und Italien führt verdient mit 1:0." Das waren diese Momente der disziplinierten Distanz, die ein Bartels, ein Simon, geschweige denn ein Réthy niemals liefern werden. Reif ließ keinen Zweifel an seiner emotionalen Involviertheit und ordnete doch ein, wie es seine Aufgabe war.

Er hatte dieses kaum zu erlernende Talent zum Timing und zum richtigen Ton, das Momente schuf, die mich ein halbes Leben und mehr begleiten. Welcher aktuelle Kommentator wird mal auf einer Choreographie der Dortmunder Ultras zitiert werden? Wenn er dann mit Verzweiflung über die Unberechenbarkeit des Fußballs im unverwechselbaren Timbre die Chronistenpflicht erfüllte und aufs Wesentliche reduziert 2001 rief "Toor. Der FC Bayern ist Meister.", dann war das simpel und komplex zugleich.

Es ist ein Talent, mit dem er in kurzen Sätzen Märchen erzählen konnte. Wie jener Satz, der einen Ehrenplatz in den (komplett subjektiv) besten Fußballerinnerungen meiner Zeit hat, der die ganze Geschichte von zwei Jahren und einem Spiel erzählte, der in sieben dürren Worten das Narrativ von einem Mann wiedergab, der seine Nemesis besiegt: "Robben, Robbäääääääään, jetzt macht er sein Tor!" Nonchalant und große Unterhaltung zugleich. Reif being Reif.

Noch was? Ach ja, und tschüss!

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