Durch die Fußballwoche II

Der Tony, der Mario, die Lippen, der Pep


Die Macht der Bilder
...ist groß. Das hat sich auch in Zeiten der Selfieinflation nicht geändert. Das Erregungspotential auch nicht laufender, einzelner Ablichtungen von Menschen ist größer als das tausender geschriebener Worte. Wäre Anthony Ujah nach - sagen wir - Dresden gereist, und hätte er von dort eine schriftliche Erklärung zu seinem bevorstehenden Wechsel nach Bremen an seine "Freunde" und Follower gesendet, niemand hätte sich daran gestört. Also an der Erklärung. Von der Reise hätte man vermutlich nichts erfahren. Doch er fuhr nach Bremen und ließ sich fotografieren. Mit Eichin, mit dem selten unbrauchbaren "100 % Werder"-Schriftzug.

Die kölsche Volksseele kochte. Nicht wegen des elendigen Wappengeküsses von vor wenigen Wochen. Das ist längst so abgedroschen, dass es niemand mehr ernstnimmt (wobei man schon die Frage aufwerfen darf, was eigentlich erwachsene Männer dazu bringt, das eingetragene Markenzeichen eines Arbeitgebers zu schmatzen, bei dem man eine Ausstiegsklausel besitzt, die man ziehen will). Nein wegen der Bilder. DIESE! BILDER! Mitten im noch nicht ausgestandenen Abstiegskampf. Manager Schmadtke beschied apodiktisch: "Geht gar nicht!" Ich erlaube mir die ketzerische Frage: Warum denn nicht?

Vielleicht ist Ujah mit dem Kopf schon in Bremen, das mag sein. Wer will das beurteilen? Aber wäre er das ohne die Bilder nicht? Er fährt mitten im Mai nach  Bremen, wo bleibt da der Fokus? Da, wo er sonst auch ist. Der Abstiegskampf dauert in Köln die ganze Saison. Drei Punkte im November zählen genauso wie deren drei im Mai. Geht er am 11.11. feiern, ist das gerade noch o.k., fährt er im Mai nach Bremen, ist das unprofessionell? Verstehe ich nicht. Ich weiß sowieso nicht, was Ujah zwischen den Spielen macht. Taktikstudium des nächsten Gegners wohl eher nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihn eine Reise nach Bremen und 15 Minuten Posieren so anstrengen, dass er am Sonntag unausgeruht ist. Die schlechte Außenwirkung in Ehren, es ist eine ganze Menge Lärm um ziemlich wenig.

Lipp G(l)ossip
Zu einer Entschuldigung wegen ein paar laufender Bilder sah sich Deutschlands unbeliebtester 22-jähriger genötigt. Mario Götze schlenderte mit einem Mitmenschen in seinem Alter lächelnd, ach was feixend durch eine laue Sommernacht in Barcelona. Der Mitmensch ist Marc-Andre ter Steegen, von Beruf Teilzeittorwart beim örtlichen FCB. Der Zeitpunkt der trauten Unterhaltung war unglücklich gewählt, 6.5.2015 gegen 22:40 Uhr. Kurz vorher hatte der FC Bayern eine biblische Packung (nah, drunter mach ich's nicht) vom FC Barcelona erhalten. Und Götze lacht. Noch zwei Tage bis Götzegate.

In Barcelona saß er auf der Bank, er blieb nach seiner Einwechslung unsichtbar. Er ging in kein Dribbling. Das war zu wenig, vor allem bei seinem Talent. Der unselige Löw-Motivationsspruch aus dem WM-Finale ist nur Symptom einer überbordenden Erwartungshaltung, der er in der Rückrunde nur selten gerecht wurde. Nur Götze scheint mir an dem Punkt angekommen zu sein, an dem das Wandeln über den Starnberger See als Unfähigkeit zum Schwimmen beurteilt wird. Feiert er ein eigenes Tor nicht, ist das Zeichen von Teilnahmslosigkeit, jubelt er über ein 5:0, überschätzt er die eigene Bedeutung. Das hat er sich mit seinem Wechsel (auch wenn er für die Umstände des Bekanntwerdens wohl nichts konnte) und seiner - nennen wir es: choreographierten - Außendarstellung zum Teil selbst zuzuschreiben. Aber die Grenze der Albernheit der Aufregung rückt näher. Erwartet man im Ernst, dass ein 22-jähriger Multimillionär Tränen über die Niederlage in einem Fußballspiel vergießt? Drunter machen wir es nicht mehr? Ist das jetzt der Standard für Identifikation? Ich habe am Mittwoch Abend nach dem Spiel telefoniert. Es lenkte ab, ich lachte mehrfach schallend. Hat an meiner Enttäuschung nichts geändert. Er wird es nicht lesen, aber: Entschuldigung abgelehnt. Es bedarf schlichtweg keiner.

Wer die Bilder von Götze im Gespräch sah, sah übrigens wieder Hände vor Mündern. Übertriebene Vorsicht? Thomas Müller gefällt das nicht. Lippenleseralarm. Es wird nichts ändern, aber fürs Protokoll, bitte, Sky und Bild und alle anderen: Lasst das doch! Lasst es einfach! Ich will es nicht wissen, ich will nicht, dass es andere wissen. Ein bisschen Mysterium muss doch sein.

Genug ist zu wenig / Der Untergang
Es ist Zeit für mein wöchentliches "Guardiola unser". Ja, echt jetzt. Jetzt erst recht.

Die Triple-Träume verendeten auf einem rutschigen Quadratmeter neben dem südlichen Elfmeterpunkt der Allianz Arena. Das große Double haben sie wohl im neuen Feld der Träume liegen lassen. Für den Boulevard war schon der 6.5. der Tag der Befreiung. Wehe, wenn sie losgelassen. Ist ja auch in Ordnung. Ein 0:3 nach einem 0:4 im letzten Jahr, das kann's ja nicht sein, natürlich ist das eine Katastrophe, ein Desaster, eine Demütigung, der Fluch der guten Taten der letzten Jahre. Nehm ich ja mit, der Klinsmann-2009-Quervergleich macht Laune. Ist ja ok.

Was mich irritiert, ist die ernst gemeinte, fehlende Demut vieler Mitanhänger. Was mich stört, ist die Undankbarkeit vieler, die sich Fans nennen. Bayern gewinnt das Single. Wie die Untertasse eines Milchkaffeepotts, den man fallen ließ, wird die Meisterschale traurig vor sich hingammeln. Nichts zum draufstellen. Keine Henkel, nirgendwo. Wie soll man da Milch schöpfen, geschweige denn Honig saugen? Eine verkorkste Saison, ein verlorenes Jahr, ein Albtraum. Der beste Trainer der Welt? Wolfgang Felix M. holte in zwei Jahren mehr Titel als Josep G. i Sala seit 2013. Überschätzt, der Typ, gescheitert. Meister? Ich bitte Sie! Mit dem Kader wird Frontzeck Meister.

Wird er nicht, und schon gar nicht so überlegen. Jeder weiß das. Was soll die gegenteilige Behauptung? Ich sage nicht, kein anderer hätte diesen Titel geholt. Ich sage nur, es ist keineswegs selbstverständlich. Mit Hannover würde Pep nichts holen? Wahrscheinlich nicht. Aber hat eigentlich mal jemand überlegt, warum Guardiola nie über ein Angebot aus Hannover nachdenken musste? Alles Glück, einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen, in Barcelona alle Titel mitgenommen, die jeder andere auch geholt hätte, und sich so in den Trainerolymp geschlichen, in den er gar nicht gehört? Der Unterschied zwischen Neururer und Guardiola ist nur Stilbewusstsein und besseres Timing bei der Karriereplanung? Glaubt eigentlich im Ernst jemand, man muss nur genug (d. h. ausreichend mehr als der zweitbeste Verein) gute Spieler zusammenkaufen, dann gewinnt man die Bundesliga mit einem Schimpansen auf der Bank?

Wahrscheinlich bin ich nur ein unverbesserlicher Pep-Fanboy, aber dieses 2012, das war ein traumschönes Jahr. Mia waren zwar Vize, aber dahoam is dahoam und die Identität war intakt, Uli war frei, auf Pressekonferenzen wurde nicht radegebrochen und Dortmund war Double. Gut, man pfiff schon mal eigene Spieler aus, es fanden sich gar nicht fünf Feldspieler, die hätten ausrutschen können und dann diese gelackte, technisch talentbefreite Litfaßsäule vorne drin, die nur traf, wenn Robben oder Ribéry sie im richtigen Winkel anschossen und sie nicht mehr ausweichen konnte, der viel zu schmale Kader und der Querpassjunkie aus Rostocks Stehgeigerschmiede. Aber es war wohlig, es war warm, es war früher. Und damit per se besser. Besser jedenfalls als 0:3 in Barcelona.

Merkta selbst, ne? Hoffentlich...

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