Durch die Fußballwoche I

Dankbarkeit, Gagelmann, mia san nicht Mourinho.

Gündogone
Man kann Vertragsrecht und Moral vermischen. Man sollte es aber lassen. Dass es Gündogans „Recht“ ist, seinen Vertrag nicht zu verlängern, steht außer Frage. Über den ethischen Wert der Entscheidung ist damit nichts gesagt.

Dass die Vertragsverlängerung der Dortmunder im letzten Jahr auch eine geschäftliche Entscheidung war, stimmt. Man erhielt sich die Chance auf Ablöse in diesem Jahr, sollte Gündogan wieder fit werden. Wäre es anders, also schlimm gekommen, hätte man das Gehalt nur sechs Wochen lang gezahlt, die einsatzbezogenen Boni (so sie vereinbart sind), hätte man ohnehin gespart.

Und doch war die Vertragsverlängerung auch ein Signal, nicht nur eine Wette. Ein Signal für den Glauben an seine Genesung, ein Schulterklopfer, dessen Wirkung Ruhe sein sollte und wohl auch war. „Nimm Dir Deine Zeit, um Arbeitslosigkeit im nächsten Sommer jedenfalls musst Du Dich nicht sorgen.“ Aus dieser Geste resultieren keine Rechte des BVB im Sinne justiziabler Ansprüche. Dass man sich in schwarz-gelben Fankreisen bei dieser Vorgeschichte nicht emotionsbefreit auf eine rechtspositivistische Argumentation verweisen lassen und die Art des Dauerpokers von Familie G. unbescholten finden will, verstehe ich dennoch gut.

Die Dekonstruktion von Romantik im Profifußball funktioniert ja über die Parallele zum echten Leben. Kommt der nächste Arbeitgeber zu einem von uns mit mehr Geld, würden wir doch auch gehen. Ich bezweifle, dass das in jedem Einzelfall stimmt, aber ich lasse mich ja gerne darauf ein.

Euer Arbeitgeber verlängert also Euren befristeten Vertrag im mittleren Management während einer schweren Erkrankung im Vertrauen auf Eure Rückkehr um ein Jahr. 12 Monate später verlangt Ihr nach wochenlangem Poker um höheres Gehalt die Auflösung. Der Konkurrent, zu dem Ihr wechseln wollt, zahlt schließlich Abstand. Dem Altarbeitgeber ruft Ihr zu: „Gehalt hat ab Krankheitswoche sieben doch eh die Krankenkasse bezahlt.“ Juristisch korrekt? Jau. Moralisch wertvoll? Eher nicht so, oder?

Die Boulevardisierung der Bräsigkeit
Der Kicker ist wie der Onkel mit dem Tweed-Sakko, den wir alle haben. Seriös, fleißig, aufgeräumtes, etwas altbackenes Äußeres, das wie ein subkutanes Statement gegen die viel beschworene Kommerzialisierung im Fußball daherkommt. Der sich aber dem modernen Online-Stammtisch mit seinem Klick-Kapitalismus immer weniger entziehen zu können scheint. Der Onkel mit Tweed ist jetzt bei Facebook. Der Kicker stellt sich mit der Autorität, DIE deutsche Fußballinstanz zu sein, immer häufiger und immer unangenehm auffälliger an die Spitze der Schiedsrichterbasher.

Note 6 lautet das unheilvolle Verdikt über die Leistung von Peter Gagelmann beim Pokalhalbfinale zwischen dem Rekordmimoser aus München der echten Schiri-Schelte aus dem Ruhrgebiet. „Ungenügend“ also im Lehrersprech. Was war passiert? Der Bremer hatte ein auch vom Kicker als „anspruchsvoll zu leiten“ bezeichnetes Spiel (immerhin), wie ich (Bayern-Anhänger) finde, insgesamt anständig über die Bühne gebracht. Der Makel der klaren Fehlentscheidung, bei Schmelzers Handspiel nicht auf Elfmeter zu entscheiden, macht die Note 1 von vorne herein unmöglich, das erschließt sich auch mir. Ansonsten? Vier diskutable Entscheidungen fällte Gagelmann. Zwei hüben, zwei drüben. Kein Handelfmeter gegen Benatia in Minute zwei war vertretbar, kein Foulelfmeter gegen Langerak gerade noch vertretbar (*Interlude: die Erinnerung an Neuer im WM-Finale ist 9 ¾ Monate später anscheinend aus dem Bayern-Fan-Gedächtnis gelöscht*), Xabi Alonsos taktisches Foul in Minute 90+2 wurde mit Fingerspitzengefühl, Kampls Vergehen 20 Zeigerdrehungen später mit gelb-rot geahndet. Da mag man fehlende Linie beklagen. EIN eindeutiger Fehler in einem fast 130-minütigen Vortrag zu einem anspruchsvollen Thema bringt die Note 6? Studenten dieser Welt werden hoffentlich nie vom Kicker benotet.

(K)ein Königreich für Mia san mia
Der Kicker untermauerte so ungewollt und indirekt des bayerischen Vorstandsvorsitzenden Donnergroll. Gegen 12 Mann habe man gespielt, ließ der Lippstädter unter Bezugnahme auf den Bremer wissen. Krawumm! Dass KHR im Mai 2014 die Anprangerung der Schiedsrichter beklagte (ratet mal, nach welchem Spiel), geschenkt. Dass auch die Algebra zumindest nach dem Platzverweis gegen Kampl nicht mehr hinkam, egal. Ich zitiere Rummenigge: „Ich muss ganz ehrlich sagen: Lasst das doch! Grundsätzlich!“

Bevor der Übertrainer vom Planeten der Konspiration Madrider Boden betrat, war es (zugegeben: oft gebrochene) Regel 1 königlicher Noblesse: Über Schiedsrichter wird nicht geredet. Nie. Und schon gar nicht als Ausrede für ein verlorenes Spiel. Weil es die Kinderstube gebietet, vor der eigenen Haustür zu kehren. Weil die eigene Qualität immer reicht, zur Not gegen 12 Mann zu gewinnen. Weil die Statistik sagt, dass das Verhältnis von zu treffenden Entscheidung zu Fehlern bei jedem noch so schlechten Schiedsrichter besser ist als bei noch so guten Fußballspielern. Ich bin kein großer Fan von Real Madrid, aber ein großer Anhänger dieser Regel.

Es sollte in den Miasanmia-Kodex gehören. Über Schiedsrichter redet man nicht. Nie. Schon gar nicht als Ausrede für Niederlagen. Und schon zwei Mal gar nicht nach vier verschossenen Elfmetern. Mia hams verkackt. Wenn mas verkacken. Immer. Ein Gegner ist nicht besser als wir, auch nicht mit dem Offiziellen in der Tasche, es sei denn, wir lassen es zu. Nimmt Müller frei vor Langerak den Kopf hoch, chippt Lewandowski (kurz vor Schmelzers Handspiel übrigens) den Ball ins Tor statt an die Latte, verbringt der Fußballgott mehr Zeit am Kopfballpendel, bleibt Gagelmann eine Randnotiz. So rum wird ein Schuh draus. Hat jemand Meyer für den Pokalsieg 2014 gedankt? Nein? Dann zeigt doch Klasse und lasst Gagelmann!

Aber der BVB hat auch gemosert, letztes Jahr in Berlin. Ja, hat er. Und jetzt? Warum Leute in einem Satz einen ganzen Verein samt Anhängerschaft als Horde von „Zecken“ verunglimpfen, um sich im nächsten Satz zur Rechtfertigung auf deren Verhalten zu berufen, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Lasst doch Weidenfeller von serieller Benachteiligung salbadern und Kehl das Elfmeterpendel erfinden. Die Aufregung darüber führt nirgendwohin außer ins mimimi-Paradies. Schlusswort von mir:



Geruhsamen Mai allerseits!

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