Nur so'n Gedanke

Ich mag Twitter wirklich. Ich schreibe nicht ständig, aber ich lese viel mit. Ich mag die Schnelligkeit. Ich mag den Zwang, sich kurz und präzise auszudrücken, Zeichenbegrenzung sei Dank. Ich mag die Spinner, ich mag die Lustigen, ich mag manchmal sogar die Nachdenklichen. Ich mag den special-interest-Austausch mit Leuten, die ich im realen Leben wahrscheinlich nie getroffen hätte. Ich mag die Blödelei. Als ich gestern die ersten Tweets zum mutmaßlich absichtlich herbeigeführten Flugzeugabsturz gelesen habe, habe ich Twitter ausgemacht. Bis eben. Es war mir zu viel, es war mir zu schnell. Es hat mich abgestoßen. Ich habe es nachgelesen. Nur ein Gedanke.


"Franz, BEILEID!" (Herbert Knebel)
Die hundertfache Zurschaustellung des eigenen Entsetzens und des Mitgefühls bringt meiner Ansicht nach wenig bis keinen emotionalen oder sozialen Mehrwert. Dass die Welt vernetzt ist, ist eine Binsenweisheit. Den Kindern heutzutage versucht man beizubringen, dass das virtuelle alter Ego nicht man selbst ist. Die Seelenschaufenster, die die sozialen Netzwerke für viele geworden sind, sind nicht das wahre Leben; und der Austausch von Nettigkeiten oder schlimmeren Falls Beschimpfungen aus der wohlig warmen Anonymität ersetzen keine echte Kommunikation.

Warum also sollte Twitter ein weltweit zugängliches Kondolenzbuch sein? Ich will niemandem die Aufrichtigkeit seiner Empfindungen absprechen. Nur: Wem hilft es, wem spendet es Trost, die eigene Betroffenheit in den Äther zu entlassen? Lesen Angehörige wirklich Beileids-Tweets von Leuten, die sie gar nicht kennen? Vielleicht bin ich zu altmodisch, wenn ich „nein“ als richtige Antwort vermute.

Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt. Das gilt auch umgekehrt für die Zerstörung und Auslöschung von Leben. Jeder (mutmaßliche) Mord sollte betroffen machen. Ich verstehe, dass mutmaßliche und tatsächliche Großverbrechen mehr Bestürzung auslösen als ein einzelner Totschlag; erst recht, wenn es mit Mitteln wie einem Verkehrsflugzeug verübt wird, die einem das Gefühl geben, es könnte jedem zu jeder Zeit passieren. Aber diese persönliche Erschütterung ist erstens etwas anderes als persönliches Mitgefühl für die Hinterbliebenen und zweitens etwas letztlich Intimes, das in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat.

Medien
Es gibt kein öffentliches Interesse daran, Mitschüler der getöteten Schüler aus Haltern in ihrer Trauerphase zu beobachten, zu filmen oder zu interviewen. Ich habe das juristisch im Einzelnen nicht überprüft; aber ein Urteil, das Menschen wie die Kinder aus Haltern zu Personen der Zeitgeschichte erklärt oder aus anderen Gründen Berichterstattung über sie für  berechtigt hielte, wäre für die Tonne. Diese Kinder wie auch die Lehrer sind ohne jedes Verschulden, ohne jede eigene Veranlassung in den Fokus einer öffentlichen Neugier gerückt, und das auch noch in der mutmaßlich schwersten Phase ihres (im Fall der Schüler jungen) Lebens. Öffentliche Schaulust und Sensationsgier ist kein öffentliches Interesse, jedenfalls kein schützenswertes.

Ich bin ein Liberaler durch und durch. Jeder soll auch öffentlich sagen können, was er will. Und ich will im Zweifel sagen dürfen, dass das Gesagte unsäglich dumm ist. Das gilt erst recht für die Presse. Sie können schreiben, senden und sagen, was sie wollen. Aber eine Debatte über die Berechtigung, Interviews mit Minderjährigen zu führen, die gerade Mitschüler und oder Freunde verloren haben, eine Diskussion darüber, ob man das Elternhaus des Co-Piloten filmen darf, beende ich, sobald ich sie sehe. Wer das ernsthaft verteidigen will, mag das tun. Mich hat er als Diskussionsteilnehmer verloren. Ich will in diesem Zusammenhang nichts von Pressefreiheit hören oder von öffentlichem Interesse. Es gibt Dinge, sagte meine Oma, die tut man nicht. Nicht weil sie gesetzlich untersagt sind, nicht weil man nach langer Abwägung zum Ergebnis kommt, sielieber zu lassen. Weil sie unanständig sind, weil sie dem, was mal das natürliche Schamgefühl genannt wurde, widersprechen. Und wenn sie doch getan werden und das Ergebnis verbreitet wird, ist es das Mindeste, sie nicht zu konsumieren und die, die sie getan haben, nicht noch mit einer Debatte über ihre nicht vorhandene Ethik zu adeln. Ich sage das ohne Empörung und in dem sicheren Wissen, dass es weiter gemacht werden wird und dass es nichts ändert, dass ich es sage.

Der Name
...wird genannt. Klar und voll. In Tweets, in Meldungen, unter und über ungepixelten Bildern. Die Diskussion darüber ist absurd. Postmortale Persönlichkeitsrechte mögen diskutabel sein. Die Rechte der Familie nicht. Die Eltern haben einen Sohn, die Freundin ihren Lebenspartner, die Onkel und Tanten ihren Neffen verloren. Unter diesen Umständen auch nur mit dem Verdacht leben zu müssen, der verstorbene Angehörige könnte ein Massenmörder sein, muss ein unfassbar grausames Schicksal sein. Die Identität der Angehörigen festzustellen, dürfte nicht schwierig sein. Jetzt kann Hinz so gut wie Kunz ihnen zusehen, ihnen nachstellen und - Wirrköpfe gibt es genug - sie schlimmstenfalls bedrohen. Ist es das wirklich wert?

Und was ist "das"? Was liegt da eigentlich auf der anderen Waagschale? Warum soll es ein öffentliches Interesse an der Nennung des Namens geben? Wem hilft das? Wer braucht das? Warum muss ich wissen, wie der Mann hieß? Welches Informationsinteresse besteht daran? Welches Interesse wird da bedient außer dem, der Faszination des vermeintlich Bösen ein Gesicht zu geben, auf das man virtuelle Darts werfen kann?

Er war ohnehin bekannt? Wenn alle alles tun, was falsch, unanständig und ethisch verwerflich ist, nur weil es andere auch schon getan haben, können wir den Laden dicht machen. Und mit Laden meine ich die Welt als ganze. Warum der französische Staatsanwalt den Namen genannt hat, weiß ich nicht. Sich darauf herauszureden, ist mir zu einfach. Medien sind Verbreitungsorgane, Wahrnehmungsverstärker. Das ist ihr Wesen. Ich habe die Pressekonferenz nicht gesehen. Hätte ich nicht heute Mittag zufällig eine Zeitungsauslage passiert, würde ich den Namen immer noch nicht kennen. Das bin nur ich mit meiner Einigelung seit gestern Morgen. Aber der Punkt ist gemacht.

Die BBC und die NYT sind achtbare Medien. Aber sie sind nicht unfehlbar. Den Namen zu nennen nutzt niemandem. Es bringt keinen Erkenntnisgewinn. Es ist nichts als sensationslüstern. Es setzt die Hinterbliebenen einem unmenschlichen Druck aus, es verursacht nur mehr Schmerz und mehr Leid. Es ist billig, es ist falsch, es ist unanständig.

Das A-Wort
Und selbst wenn man das anders sieht, es erklärt nicht die Lettern des Blattes mit den großen selbigen. Das hat nichts mehr mit Berichterstattung und Befriedigung von Informationsinteresse zu tun. Das bedient niederste Instinkte. Instinkte, die menschlich und verständlich sind, weil die Größe des Verbrechens unfassbar und die Wut auf den vermeintlichen Täter deshalb groß ist. Weil Menschen gewaltsam, unnütz und unschuldig um ihr Leben gebracht wurden und weil der Täter, von dem wir noch immer gar nicht hundertprozentig sicher sein können, dass er ein Täter war, uns allen ein Stück Sicherheit und Selbstverständlichkeit genommen hat, auch wenn es nur beim Einstieg in ein Flugzeug ist.

Instinkte, die nach Rache schreien, nach einem öffentlichen und grausamen Scherbengericht auch nach dem Tod. Instinkte, die in die Tat umgesetzt einen Lynchmob kreieren würden. Blutdurst, dessen Stillung ein Ventil wäre für Wut und Unverständnis und von mir aus Betroffenheit. Menschliche Instinkte, die wir Gott sei Dank einiger Maßen domestiziert haben und die doch in uns schlafen und deren Beherrschung Ziel und Aufgabe aufklärerischer Berichterstattung sein sollte. Die zu wecken und aus Gewinnstreben auf die eigenen Mühlen zu lenken...ja...unanständig ist. Ich will und kann die Hoffnung nicht aufgeben, dass das irgendwann auch in den Köpfen manches Redakteurs ankommt.

Ich schreibe das und setze mich damit selbst ins Unrecht, weil ich die Twitter-Diskussionen, die ich nachgelesen habe, kritisieren will. Die Abscheu über manchen medialen Exzess mag ehrlich sein. Aber in den sozialen Netzwerken sind wir alle Wahrnehmungsverstärker. Die meisten Widerwärtigkeiten hätte ich gar nicht mitbekommen, wenn sie nicht mit der Kundgabe der meinetwegen ehrlichen Empörung per RT in die TL gespült worden wären.

Die Empörung über die Medien reichte manchem zu weit, also empörte er sich über die Empörung, was...man ahnt es, Anlass für Empörung gibt. Dabei wird in Windeseile Metaebene um Metaebene erklommen. Ohne jeden Mehrwert. Bis alle vergessen haben, worüber man sich eigentlich so aufgeregt hat. Irgendwo sah ich in einem zustimmenden RT ein Foto von einem Verbotsschild, das eine Kamera durchstrich und sinngemäß alle aufforderte, Menschen an einem der Orte, deren Bewohner in besonders großer Zahl betroffen sind, in Ruhe trauern zu lassen. Das ist die Absurdität der Perversion des Absonderlichen. Ein Bild von einem Verbot, Bilder zu machen, das sich viral verbreitet. Ein Kreis des Unfugs, der den traurigen Anlass all der Empörung und der Kommentierung der Empörung und der Empörung über die Kommentierung der Empörung nur noch zum Vorwand nimmt, sich immer schneller zu drehen.

Ich werde keine weiteren Beispiele zitieren. Es ist auch nur ein subjektiver Eindruck nach kursorischer Durchsicht dessen, was ich seit gestern Mittag verpasst hatte.

Wir werden jetzt viele Debatten erleben, über psychische Erkrankungen, über Flugsicherheit, über menschliche Abgründe. Das ist mehr oder weniger notwendig und mehr oder weniger gut so. Mit etwas Abstand zum eigentlichen Anlass kann das sogar sinnvoll sein.

Aber, und ich komme zum Ausgang (zurück) und spreche meine kleine, aber feine Blase an: Dreht die Welt sich wirklich nur weiter, wenn wir alle jedes Detail einer Tragödie in Echtzeit kommentieren und die Opfer allzu öffentlich betrauern und uns erregen über die, die schäbig damit umgehen? Wird es nicht immer genug Menschen geben, die das ohnehin tun? Wenn man so betroffen, so beklommen, so verständlich entsetzt über das Unglück und vielleicht so empört über manchen Berichterstattungsexzess ist, wäre es dann nicht einfach mal an der Zeit innezuhalten? Wäre es nicht an der Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen und der Wut und der Trauer und der Empörung einen privaten Raum zur Entfaltung zu geben, sie zu verarbeiten und damit umzugehen zu lernen, wenn man möchte, darüber mit Angehörigen und Freunden zu kommunizieren, bevor man sie in 140 Zeichen packt und alle Welt daran teilhaben lässt? Ich habe es gemacht. Es hat mir nicht geschadet. Aber war nur ein Gedanke...

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