Das langweiligste der 114 Jahre



Es ist so langweilig. Alles. Die Bundesliga ist kaputt. 11 Punkte Vorsprung nach der Hinrunde. Was gibt es Langweiligeres, als nie zu verlieren und jeden Gegner in Grund und Boden zu beherrschen? Fünf bis sechs Stammrädchen fehlen und trotzdem ist kein Körnchen Sand im Getriebe, kein Kristallrest, der die Maschine zum Stottern bringt, kein Konkurrent weit und breit. Vier Gegentore in einer ganzen Hinrunde, zuletzt über 1.000 Minuten ganz ohne, Spiele, in denen der Gegner nicht ein Mal aufs Tor schießt, es ist so laaaaangweilig. CL-Gruppensieg nach vier Spielen klargemacht. Pokal: Sind die Bayern da eigentlich angetreten? Ahja, muss ja, sie sind ja schon wieder im Achtelfinale oder war es schon Viertelfinale? Egal, am Ende sind sie ja eh wieder in Berlin.

Jetzt ist auch noch das Stadion abbezahlt. Toll, noch mehr Geld für Investitionen in Beine statt Steine. Das kann ja was geben. Meyer, Draxler, Reus, Ronaldo, Messi, Hazard, Aguero und Vidal in rot sind eine Frage der Zeit. Wenn das so weitergeht, holen sie noch Toni Kroos zurück. Laaaaaaaaangw...tsxvcgdgfte. Schulligung, war gerade weggenickt und mit dem Kopf auf die Tastatur geschlagen. Wo war ich? Ach, ja. Laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaangweilig. 

Drama, Baby, Drama! 
"Macht das eigentlich Spaß, jedes Spiel zu gewinnen oder jedenfalls nie zu verlieren?", fragen sie. "Wo ist der Kick, wenn man schon vorher nur über die Höhe des Ergebnisses diskutiert?", wundern sie sich. "Gehört verlieren nicht zum Spielen dazu?", möchten kullerige, traurige Augen von HSV-Fans gerne wissen. Und im Ergebnis: "Hat das eigentlich noch irgendeinen Reiz, jedes Jahr im März Meister zu werden?", wollen sie wissen. Äh...JA!

Leid gehört zum Fansein wie Kummer zur Liebe. In der Niederlage fest zusammenzustehen, sich gegenseitig aufzufangen und zu trösten, ist für das Gemeinschaftsgefühl der Anhängerschaft wahrscheinlich wichtiger als gemeinsam Triumphe zu feiern. Noch schöner sind gemeinsame Achterbahnfahrten. Der scheinbar feststehenden katastrophalen Niederlage mit purem Willen doch noch den Triumph zu entreißen, die Leere völliger Verzweiflung Minuten später mit der Ekstase des Sieges zu füllen wie 2001. Wer es bewusst erlebt hat, weiß heute noch, was er an jenem Tag im Mai vor 13 Jahren gemacht hat. Wo er war und wen er anguckte, als ihm nach Barbarez' Kopfballtor Tränen in die Augen stiegen. Was für irrationalen Unfug er trieb, als Andersson bewies, dass er auch durch die Berliner Mauer geschossen hätte, wäre er nur früher geboren worden. Meisterschaft 2014? Es war Berlin, es war März, es war irgendwie komisch kalt. Es war ein Verwaltungsakt. Die Vollstreckung eines Titels, der längst gewonnen war. Laaaangweilig.

Nur mal im Ernst: Selbstironische Verwertung des Images von "Verlierervereinen" oder mangelnder Ernsthaftigkeit wie in Sankt Pauli oder Mainz in allen Ehren: Verlieren gehört zum Spiel dazu. Aber Sinn und Zweck des Ganzen ist es nicht. Treue mag sich in der Niederlage beweisen. Aber belohnt werden will ich dafür mit Siegen, oder nicht? Je mehr, desto besser, oder nicht? Wenn die Saison beginnt, rechne ich mit Niederlagen, egal wie hoch favorisiert mein Verein ist. Der Fußball ist eigentlich von zu vielen Zufällen, unbeeinflussbaren Faktoren und vom Glück abhängig, um 34 Spiele ungeschlagen zu bleiben. Wenn es doch gelingt, soll ich mich über zu viel Langeweile ärgern? Ich gebe es offen zu, das ist mir zu hoch. Norbert Dickel wird langweilig, wenn der BVB 102 Punkte holt? Uwe Seeler würde sich Sorgen um die Konkurrenzfähigkeit der Bundesliga machen, wenn der HSV im März Meister wird? Schalker Fans geben ihre Dauerkarte zurück, wenn sie zwei Jahre lang nicht verlieren? Wohl eher nicht. Wir sind alle ein bisschen Sammer, wenn es um den eigenen Lieblingsclub geht. Gefräßig, weiter, immer weiter, mehr, immer mehr.

Den Angang, ich müsste mich irgendwie unwohl bei Siegen meines Vereins fühlen, könnte ich noch verstehen, wenn der Weg zum Erfolg zwielichtig gewesen wäre. Ich gebe zu, eine mit arabischen Öl-Millionen oder russischen Erdgasmilliarden gekaufte Überlegenheit würde ich trotzdem feiern, aber ein Geschmäckle hätte sie. Ist aber nicht. Ich kann nur inständig hoffen, dass Paul Breitner den FC Bayern nicht wirklich repräsentiert. Nur die Erinnerung an die Fastinsolvenz des Rekordmeisters vor nicht einmal 30 Jahren muss schon erlaubt sein. Man kann es nicht oft genug sagen: Der 1. FC Köln war vor 50, der HSV vor 30, der BVB vor 20 Jahren deutlich besser aufgestellt als der Überverein unserer Tage. Er hat niemandem etwas weggenommen, er hat sich keinen unfairen Wettbewerbsvorteil verschafft, er hat niemanden beklaut, er verschenkt sogar jedes Jahr Millionen von Euro durch Verzicht auf die Einzelvermarktung, die Real Madrid oder der FC Barcelona mitnehmen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Also kann ich mich vorbehaltlos freuen. Über jeden Sieg, wie es jeder Fan tun würde. Gewinnt mein Verein drei Mal im Jahr, freue ich mich drei Mal, gewinnen sie 34 Mal...Es ist mir auch völlig egal, wie hoch oder überlegen oder nicht. 34 Eins-zu-null-Siege nehme ich auch. Gibt es einen Fan, der anders denkt? 

Das Leben der anderen / Nichts ist für die Ewigkeit 
Nun bin das nur ich. Und vielleicht noch ein paar unentwegte Bayern-Anhänger mit mir. Für den Rest mag der Spaß tatsächlich in all den Bermudadreiecken verloren gehen, die Pep Guardiola ständig auf dem Platz bilden lässt. Dafür habe ich Verständnis und es würde mir vermutlich ähnlich gehen, würde die Liga von Werder Bremen oder Eintracht Frankfurt auseinandergenommen. Ich halte auch nichts davon, den Gegnern vorzuwerfen, sie wollten in der Arroganz Arena gar nicht spielen, sie glaubten ja gar nicht an ihre Chance. Spiel in der Arena mit und Otto Torhagel kann sich auf den Bruch seines Bundesligarekordes freuen. Aber Trost ist unterwegs: Dominanz ist flüchtig wie ein Reh im Straßenverkehr.

Zunächst: Das Problem mit den Rekordsaisons ist das Problem von 6:1-Siegen. Für Kantersiege gibt es genauso drei Punkte wie für ein heimgemurmeltes 1:0. Für 90 Punkte gibt es genauso eine Meisterschaft wie für 63. Es ist sogar noch schlimmer: wer den Gegner regelmäßig aus dem Stadion schießt, kriegt gegenüber dem Cattenacio-Verwalter wenigstens in der jeweils laufenden Saison noch den Bonuspunkt Tordifferenz. Für 25 Punkte Vorsprung kann ich mir nichts kaufen. Nichts. Nada. Zip. Wer nach 34 Spielen oben steht, kriegt die Schale, das Konfetti, die Bierduschen, das volle Programm. Niemand fragt, ob er oben steht, weil gegenüber dem Zweiten zig Punkte mehr geholt oder nur ein Tor mehr geschossen hat. Im August startet man wieder bei Null. Eine neue Saison ist wie ein neues Leben.

Dann: Die Dominanz der Bayern in den letzten Jahren ist das Ergebnis eines perfekten Sturms. Natürlich hat der Verein strukturelle und wirtschaftliche Vorteile, die ihm auf Jahre CL-Präsens garantieren. Es wäre eine gewagte, nein, eine schwachsinnige Prognose, dass man in absehbarer Zeit in München in den Abstiegskampf verwickelt werden könnte. Selbst am Ende von nach eigenen Maßstäben über-schlechten Jahren stünde wohl mindestens Platz 4.

Aber die aktuelle Bayern-Dominanz hat viel mit dem zu tun, was der Boulevard Robbery nennt. Robben spielt seit fast zwei Jahren in Überform und war zum ersten Mal in seiner Karriere 24 Monate verletzungsfrei. Ribéry mag nicht mehr der Weltklassespieler sein, dem Real 2009 Aussorge für die nächsten sechs Generationen anbot, einer der Unterschiedspieler ist er immer noch. Beide sind über 30. Jedenfalls beide zusammen sind nach wie vor nicht ersetzbar.

Der FC Bayern beschäftigt den derzeit besten Trainer der Welt. Punkt. Und das wird nicht immer so sein. Und nur für die Hasskübeltransporteuere, die irgendwas von "gemachten Nestern" faseln, geht Pokalfinale 2014!

Mehrere Schlüsselspieler sind gleichzeitig auf dem absoluten Leistungszenit angekommen. Dabei sind Frühentwickler wie Alaba, Bernat oder mit Abstrichen Rode, aber auch Langfristentwickler wie Boateng oder Neuer. Formverfall war praktisch Fehlanzeige seit 2012. Das hat mit Training, Einstellung und Charakter, aber eben auch mit Glück zu tun. Glück, das der FC Bayern nicht jahrzehntelang pachten wird.

Dass der WM-Hangover, das strahlende Licht der Hoffnung auf Bundesligaspannung, nicht leuchtete, hat Gründe. Anders als 2007 und 2011 fiel der FC Bayern dieses Mal in kein nennenswertes Loch. Das hat sicherlich strukturelle Gründe, namentlich, dass der FC Bayern wirtschaftlich und in der Folge sportlich noch besser aufgestellt ist als vor acht bzw. vor vier Jahren. Es hat aber auch damit zu tun, dass viele Spieler aus dem erweiterten Stamm die WM respektive deren K.O.-Phase all inklusive irgendwo auf den Malediven, Seychellen oder in der Karibik verfolgt haben. Alaba, Lewandowski, Rafinha, Benatia, angesprochener Ribéry, Rode, Alonso, der leider dauerverletzte Thiago sowie die Jungspunde Scholl, Gaudino oder Hojbjerg hatten alle seit spätestens Ende Juni Urlaub. Dazu kommt das Ende der Nationalmannschaftskarriere von Dauerläufer Lahm, das seit Sommer für mehr Erholungspausen sorgte. Wer die konstant guten Leistungen der Genannten für Zufall hält, der möge sich die „zuletzt doch arg überspielt wirkenden Müller oder Dante seit Anfang November angucken. 

Der Rest vom Fest 
Nochmal Breitner. Ich wusste gar nicht, dass es Aufgabe von Repräsentanten ist, die Sympathiewerte des FC Bayern aus dem Kohlekeller in Frackingschächte zu transportieren. Aber die Schwäche der Konkurrenz ist ein Grund bayerischer Überlegenheit.

Dortmunds Schwächeanfall verzerrt die Tabelle genauso wie Schalkes traditionelles Vergnügen an der Selbstbeschränkung, Leverkusens Instabilität und die realsatirische Unfähigkeit schnarchender Riesen wie in Hamburg oder Stuttgart. Der finanziell logische Konkurrent Wolfsburg war zwei Jahre damit beschäftigt, die Trümmer der "Ära Magath II" abzuklopfen und bringt sich gerade in Stellung. Bei allem Respekt: Dass schon Kerzen auf dem Adventskranz brannten, als Augsburg auf einem CL-Platz stand, sagt mehr über die Liga als über Augsburg. Es fallen viele Würfel für die Bayern im Moment. Das muss und das wird sich nicht ständig wiederholen. 

Und überhaupt... 
"Früher war alles besser", ist sowieso immer falsch. Nie war das größerer Quatsch als bezüglich der Spannung in der Bundesliga. Es mag mehr Fotofinishes gegeben haben, damals in der guten alten Zeit. Aber triviatime: Wie viele verschiedene Meister gab es zwischen 1970 und 1980? Vier. Zwischen 1980 und 1990? Vier. Zwischen 1990 und 2000? Fünf. 2000 bis 2010? Vier. Seit 2010? Zwei. (Dortmund 2011 und 2012 übrigens jeweils mehrere Spiele vor Schluss, ja Dortmund!). Die Dekade ist halb rum. Locker machen!

Geh mir weg mit Langeweile. Diese Blut-, Schweiß- und Tränenstories von Telex als Twitter, Schraubstollen und dem Geruch von rußiger Bratwurst über schönen Tartanbahnen sind was für alte Männer, die Angst vor der Islamisierung des Abendlandes haben, aber nicht für vernunftbegabte Fußballanhänger. Als nur Seniorenresidenzen "Hoffenheim" hießen, haben die Bayern auch nicht jedes dritte Spiel verloren. "Wolfsburg" nannte sich "Uerdingen" und dass sie für eine Brause in Leipzig einen Lolli in Wasser aus eigengefiltertem Urin auflösen mussten, hatte andere Gründe als fehlende Spannung in der Liga. Laaaaangweilig ist allenfalls dieses Gejaule von der guten alten Zeit, die nicht wirklich eine war.

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