Historico IV - Krieg der Sterne



Das versteinerte weiße Ballett bildet eine Mauer. Am Tag der deutschen Einheit im Jahre des Herrn 2010. Drei Schritte Anlauf am 03.10. Sahin trifft den Ball satt. Oldenburgs Finest versteinert wie der eiserne Vorhang. Boom. 2:0. Der Tulpengeneral schwingt die weiße Fahne. Was von der vorletzten WM in Südafrika geplagte Bayern für einen Betriebsunfall halten, ist Kapitel 1 eines fünfteiligen Alptraums. Schwarz-gelbe Machtübernahme. Schleichend, fast unmerklich. Menschen mit Begabung zu JHV-Emotionen würden sagen: An jenem schwarz-rot-goldenen Feiertag hat die weiß-blaue Scheiße angefangen. Schwarz-gelber Wachwechsel an der Spitze. 1:3, 0:1, 0:1, 2:5. Eine Zahlenkolonne des Grauens, die der BVB bis Mai 2012 in die bayerischen Geschichtsbücher fräst. Auch der Allesgewinner aus München hat Finals verloren. Viele davon. Aston Villa, Uerdingen, Porto oder die Mutter aller Niederlagen gegen Manchester. Vorgeführt wurde man nie. Bis 2012. Klopp hat Bayern decodiert. Mia san...ja, wer eigentlich? Ein Verein, der acht Jahre zuvor vor der Pleite stand, stürzt den Rekordmeister in die Identitätskrise.

Episode IV - Eine neue Hoffnung 
Was er bekommt, bekommen wenige. Der Niederländer kriegt sie. Robben. Die zweite Chance. April 2012. Die Rückgabe vom Punkt. Dortmund ist Wiederholungstäter. Sechs Pflichtspiele ohne Sieg (Supercup? Ich bitte Sie!). Februar 2013. Lahm wird gefoult. Während Santana noch das Trommelfell anspannt, um auf den ausbleibenden Pfiff zu hoffen, chippt Robben den Ball in Weidenfellers äußersten Winkel. Doch, die Bienen-Nemesis ist schlagbar. Hoffnung keimt.

Hoeneß salbadert von wiederhergestellter Hackordnung. Himmelschreiender Unfug und Beweis dafür, wie tief der Schock saß. Der Schock über die Konstanz des ersten ernstzunehmenden Rivalen seit Daums Werkself. Dortmund ist kein One-hit-wonder, keine Sternschnuppe. Sie waren gekommen, um zu bleiben. Der Stachel im bayerischen Fleisch, den der Noch-Präsident mit einem Sieg im Pokalviertelfinale gezogen zu haben glaubt. Hat er nicht, noch nicht. 

Episode V - Das Imperium schlägt zurück 
An allen Fronten. Am 30.04.2013 ist es so weit. Mitternacht. Alles schläft, einsam bildet sich die Meinung. Götze. Kein Spiel kann leisten, was dieser Transfer und die Umstände seiner Verkündung können. Ein Tiefschlag ins Herz. Kagawa und Sahin taten weh. Das hier ist anders. Völlig anders. Götze zieht die Klausel. Der juristische Beleg ist erbracht: Augenhöhe ist eine Schimäre. Geld schlägt Sport. Neue Herausforderung schlägt Komfortzone. Die Bedeutung des Wechsels geht über die sportliche Schwächung des ärgsten Rivalen weit hinaus. Er ist Symbol. Dortmund ist nicht anders. Der BVB ist nicht gleicher als gleich. Sie werden den Weg nehmen, den sie alle nahmen. Gladbach, Hamburg, Bremen, Köln, Kaiserslautern, Leverkusen.

An der Sportfront entledigt sich Robben höchstpersönlich des vermeintlichen Dortmunder Fluchs. Er entscheidet Wembley. Er lupft den Ball zum entscheidenden 2:0 im Ligaspiel im Herbst 2013 im Westfalenstadion. Er trifft im Pokalfinale 2014 zum vorentscheidenden 1:0. Robben, immer wieder Robben. Die zweite Chance, die dritte und die vierte. Er nutzt sie alle. Mit der guten Arbeit kommt der vielbeschworene Dusel zurück in Bayern-Universum. Ribérys Tätlichkeit in London wird nicht gesehen. Hummels' Tor verschwindet in der Berliner Luft. Dortmund ist auf seinen Platz verwiesen. Aber das genügt nicht. Die Hintergrundmusik zur Wiedererlangung sportlicher Vorherrschaft bildet das unprofessionelle Gejammer polnischer Berater. Lewandowski selbst ist professionell. Bis zum bitteren Berliner Ende. Dann geht er. Ablösefrei. Nicht nach Manchester, London, Paris, Madrid, Barcelona. Nach München. Ausgerechnet. Neun Spiele später reist Dortmund mit sieben Punkten nach München. Den Relegationsplatz vor Augen. Die stillgelegte Pressingmaschine im Sinn. Es ist vorbei. Das Märchen ist auserzählt. Die Geschichte ist geschrieben. Die Bayern regierten glücklich bis ans Ende ihrer Tage. 

Episode VI – Die Rückkehr der Jedi Trolls 
Und damit könnte es sich haben. Damit hat es sich. Eigentlich. Die Robben-Wiederauferstehung allein ist zu schön, um wahr zu sein. Die Titel sind die Garnitur. Aber vielen reicht das nicht. Das lachende Mitfiebern beim einstweiligen Dortmunder Niedergangs ist irritierend.

Ich fand noch nie, dass Schadenfreude die schönste Freude ist. Meine Begabung zur Häme ist unterentwickelt. Dass die Liebe zu einem Verein mit der Verabscheuung eines anderen einhergehen muss, wollte ich nie einsehen. Meine Abneigung gegen Dortmund im Speziellen war nie besonders ausgeprägt. "Zecken"? Echt jetzt? Und: Die Vergeltung ist geübt. 25 und 19 Punkte Vorsprung. Das deutsch-deutsche Finale nimmt den Bayern niemand mehr. Die beiden letzten Pokalspiele sind gewonnen. Wenn es Mai wurde in den letzten zwei Jahren, wurden dem BVB die beiden herzzerreißendsten Niederlagen in Dekaden beigebracht. Als Sahne auf dem Kuchen sind die beiden besten Spieler übergelaufen. Und Ihr freut Euch über eine Niederlage gegen Hannover am neunten Spieltag? Über Platz 15 des BVB im Oktober? Ihr postet Fahrpläne nach Sandhausen? Das macht Spaß? Nehmt Ihr einem Obdachlosen auch sein Kleingeld weg und werft es aus Prinzip in den Gully?

Meisterschaften sind immer schön. CL-Titel gehören immer oben ins Regal der Fußballhistorie. Was die Titel von 2013 und 2014 besonders gemacht hat, waren die Jahre 2011 und 2012. Die erste ernsthafte und nachhaltige Herausforderung seit Jahren gemeistert und überwunden zu haben. Ohne Dortmund wäre diese Jahrhundertmannschaft nicht gewachsen. Ich bin dem BVB dankbar. Dankbar für die Herausforderung, dankbar für die Rivalität. Wieviel schöner sind Titel, wenn sie gegen einen Konkurrenten errungen werden, der halbwegs auf Augenhöhe ist? Irgendeinen Rivalen wird es immer geben. Und wer wäre denn lieber? Hoffenheim? Wolfsburg? Demnächst der Brauseclub? Das "Echte-Liebe"-Signet mag nerven. Dass der Verein regional stark verankert ist, eine eingeschworene Fangemeinde jenseits aller "Erfolgsfans" und darob jede Menge Tradition (ja, ich habs gesagt) hat, ist nicht zu leugnen.

Mir ist eigentlich egal, wo Dortmund landet, solange die Bayern Erster werden. Ich kann mich nicht über ihre Niederlagenserie freuen. Warum auch? Der Bundesliga insgesamt würde ihre CL-Abwesenheit kaum helfen. Den Bayern sind sie im Moment überhaupt nicht gefährlich. Mir ist die Freude über Xabi Alonsos Spielorganisation, Götzes Entwicklung, den taktisch ultraflexiblen, attraktiven Fußball und die souveräne Tabellenführung trotz des im Sommer drohenden WM-Hangover absolut genug. Genügt Guardiolas Lächeln nicht? Was ist so toll an Klopps leeren Augen und seiner floskelverdeckten Niedergeschlagenheit?

Ich bin dankbar für all die großen Spiele des FC Bayern gegen einen Rivalen, den ich ernstnehmen muss, für das Kribbeln und die Nervosität, die bei Duellen gegen Mainz oder Augsburg nicht aufkommen. Dortmund gehört zur Triplegeschichte wie Daum zum Wunder von Unterhaching und Manchester zum geschichtsträchtigen Tag von Mailand 2001. Ich will gar nicht, dass sie niedergehen. ich will, dass sie Bayern kitzeln. Ich will die Reibung. Ich hätte lieber ein Duell auf Augenhöhe am Samstag. So wie damals an jenem kalten Oktobertag vor vier Jahren, als Sahin Dortmunds Dominanz einläutete und half, die Bayern besser zu machen. Auch wenn sie es selbst für einen Betriebsunfall hielten.

PS: nur nebenbei: Der letzte Bayern-Heimsieg gegen Dortmund in der Bundesliga liegt noch acht Monate länger zurück als das türkische Freistoßgemälde. Nicht dass manchem die Häme noch auf die Füße fällt...

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