Großer Mann, kleiner Abgang: Neudecker



Heuer sind sie gefeierte Architekten von Erfolgsmodellen, morgen schon selbstherrliche, planlose, verbrecherische Versager. Trainer, Präsidenten, Manager des FC Bayern. Geliebt, vergöttert, verhasst. Die ganze Bandbreite öffentlicher Wahrnehmung, oft durchlebt in wenigen Jahren. Die nach außen stolz vor sich hergetragene Polarisierung setzt sich im Binnenverhältnis zwischen Gremien, Trainern, Mannschaft und Anhängern in Form oft völlig übersteigerter Erwartungshaltung fort. So wird der gerade noch geflochtene Lorbeerkranz zum Wurfgeschoss. Oder um es mit dem Kurzzeitbayern Rehhagel zu sagen: "Dann werfen die Leute Blumen und lassen die Töpfe dran!" Eine Rückblende auf schändliche Abgänge großer Bayern-Männer.

TEIL 1: Der Bauherr und das Vakuum im Fundament
Der einst verfemte Kurt Landauer erhält inzwischen die verdiente Anerkennung für sein Lebenswerk. Uli Hoeneß, der Bayern München verkörperte wie kaum ein anderer, hat sein eigenes Werk durch privates Fehlverhalten gerade verdunkelt; und gilt doch als Architekt der bajuwarischen Weltherrschaft im Vereinsfußball.

Den Grundstein aber legte ein Bauunternehmer namens Wilhelm Neudecker; lange bevor der Wurstfabrikant aus Ulm die Inkorporation der Bayern-Korporative wurde. Bis Hoeneß sein Amt antrat, war der FC Bayern Neudecker, Neudecker war der FC Bayern und ohne Neudecker wäre der FC Bayern nichts, jedenfalls nicht das, was er heute ist. Ohne Neudeckers schmählichen Abgang wäre auch Hoeneß wohl nicht geworden, was er ist.

Wie ein Symbol der Nachkriegsentwicklung des bis dahin eher unauffälligen Fußball Clubs von 1900 Bayern München steht Neudecker für Aufstieg und Fall des Modells Monaco. Bei Kriegsende ist er Anfang 30; der gelernte Maurer wird als Bau- und Immobilienunternehmer einer der reichsten Menschen Bayerns und Duzfreund der Mächtigen wie Franz-Josef Strauß. Eine Wirtschaftswunderbiographie aus dem Bilderbuch der Generation prä 1968, die ihre Krönung im einst als Proletensport verschrienen Fußball erfahren sollte.

Das Wunder von Bern, der zweite Gründungsmythos der jungen Bundesrepublik, ist acht Jahre alt, als Neudecker Präsident des späteren Rekordmeisters wird. Kommissarisch. Für ein Jahr. So ist der Plan. Es werden 17 Jahre werden. Neudeckers Jahre. Eine Ära. Knapp zwei Jahrzehnte, die die deutsche Vereinsfußballlandschaft grundlegend verändern.

Ködern lässt er sich mit dem Versprechen, das Ehrenamt des Clubvorsitzenden, wie man im Schützenvereinsjargon die Männer an der Spitze auch von hochklassigen Fußballclubs damals nennt, sei vorwiegend mit repräsentativen Pflichten belastet. Wie alle Alphatiere lässt sich der Unternehmer gerne um Rat und Führung fragen. Doch Prestige lockt den erfolgreichen Unternehmer kaum an die Säbener Straße. Die Ausnahmestellung, die die Münchener im deutschen Fußball heute einnehmen, wird er erst begründen. Finanziell ist der FC Bayern dank Mäzenatentums von Neudeckers Vorgänger - neudeutsch - gut aufgestellt. Sportlich ist er 1962, kurz vor der Weltmeisterschaft in Chile, zu der die Bayern mit Wilhelm Giesemann einen einzigen Spieler entsenden werden, einer von vielen Oberligavereinen mit mehr oder weniger ruhmreicher Vergangenheit und mehr oder weniger trister Gegenwart.

Die Viktoria-Doublette für den einzigen Meistertitel des knapp vor dem Rentenalter stehenden Vereins drei Dekaden zuvor hat Staub angesetzt. Vorzeigeclubs des in mehrere Oberligen gespaltenen deutschen Vereinsfußballs sind 1962 der amtierende (Rekord-) Meister aus Nürnberg, der noble Sportverein vom Rothenbaum und die Arbeiterclubs aus Stadien mit wohlklingenden Namen wie "Rote Erde" und "Glück-auf-Kampfbahn". Die professionellsten Strukturen hat der als Retortenverein geschmähte, nur vermeintlich "erste" Fußballclub Köln aufgebaut. Nicht einmal in der eigenen Stadt ist der heutige Weltmarktführer die Nummer eins. Münchens bester Club ist 40 Jahre älter als die Bayern. Der Löwe verdrängt die Bayern an den Katzentisch. Für die Auftritte im städtischen Stadion an der Grünwalder Straße muss man Untermiete an den ungeliebten Lokalrivalen abführen. Als die Bundesliga gegründet wird, wird Neudeckers Aufnahmegesuch abschlägig beschieden. Zwei Vereine aus einer Stadt erschienen dem DFB "nicht ratsam". Auf die Idee, die Blauen in die Regionalliga zu verweisen, wäre kein vernünftiger Mensch gekommen. 

Schluss mit den Zugroasden
Von Fußball versteht Neudecker nach eigenen Angaben wenig. Der moderne Fußball würde ihn wohl dennoch einen Konzeptpräsidenten nennen. Mit Robert Schwan installiert er den ersten hauptamtlichen Manager der Liga. Der Mythos, die Bayern hätten vor allem deshalb auf junge Spieler setzen können, weil ihnen der Zutritt zur Bundesliga mit wöchentlichem Gewinndruck auf landesweiter Bühne versagt wurde, ist allenfalls eine amüsante Halbwahrheit. Unmittelbar nach Amtsantritt im April 1962 verändert Neudecker die Transferpolitik von planlosem Gießkannenkaufen zu nachhaltigem Investieren. Die Verpflichtung immer neuer vermeintlicher Erfolgsgaranten aus aller Herren Bundesländer wird zugunsten der Heranziehung junger Spieler aus der Region aufgegeben. Einer der ersten von Neudecker verantworteten Neuerwerbungen ist der Mann, den sie später die "Katze von Ansing" nennen werden. Mit Beckenbauer, Müller, Schwarzenbeck, Roth, Hoeneß, Breitner oder Rummenigge wird bald ein Legendenkabinett zusammengestellt sein, das nicht nur das Fundament bayerischer Fußballherrlichkeit, sondern auch den Kern der Modellnationalmannschaft von 1972 stellt.

(Teilweise eigenes) Geld nimmt Neudecker lieber für Trainer in die Hand. Die Verpflichtung von Zlatko Cajkowski ist das "Ralf Rangnick nach Hoffenheim" unter der Trainerwechseln der 60er Jahre. Der Jugoslawe verlässt 1963 das gemachte Nest der Kölner Spitzenmannschaft, die er kurz nach Neudeckers Amtsantritt ein Jahr zuvor zur deutschen Meisterschaft geführt hatte, um in der zweitklassigen Regionalliga aus einer Horde Rohdiamanten ein Bundesliga-Diadem mit Verspätung zu formen. Zwei Jahre später hat München doch zwei Erstligaclubs. Die Blauen werden in der ersten Bundesligaspielzeit der Roten Meister. Cajkowskis Rasselbande wird Dritter. Es ist bis heute das letzte Mal, dass 1860 in der Tabelle vor den Bayern abschließt. Meistertrainer der Löwen ist Max Merkel, ein Mann, der noch Schicksal für Neudecker spielen sollte.

Die Pokalsiege 1966 und 1967 künden von der bayerischen Dominanz kommender Jahre. Vor allem das 4:0 im Pokalfinale 1967 gegen den HSV mit Uwe Seeler deutet an, dass die fußballerische Nachkriegsordnung in Deutschland wackelt. Über Tatran Pesov, die Shamrock Rovers, Rapid Wien und Standard Lüttich setzt sich der FCB auch auf die europäische Fußballlandkarte. Durch das 1:0 von Nürnberg gegen die Glasgow Rangers wird der FC Bayern der zweite deutsche Europapokalsieger überhaupt nach Borussia Dortmund. In zwei Saisons gewinnen die Bayern mehr große Titel als in 62 Jahren bis zu Neudeckers Amtsantritt. Nur fünf Jahre hat der Bauunternehmer ohne Fußballsachverstand gebraucht, die Vereinsgeschichte in die prä- und postwilhelminische Zeit einzuteilen. 

Sic perreat gloria mundi...
Was Neudecker in den nächsten Jahren anfasste, wurde Gold und Silber. Als Erfolgstrainer Cajkowski ging, kam Branco Zebec. 1969 holte der das erste Double der Bundesligageschichte. Den linkischen, bisherigen DFB-Co-Trainer Lattek zum Nachfolger des genialen Jugoslawen zu machen, brachte Spott und...Erfolg. Über Gladbachs Meisterdouble 1970 und 1971 tröstet der erneute Pokalsieg 1971 hinweg. Der legendären 101-Tore-Saison von 1972 (bis heute Rekord) folgten das von Bayern-Spielern mitgeprägte Wunder von Wembley, der EM-Titel 1972, weitere zwei Meisterschaften und der Landesmeistercup von Brüssel, ein Titel, den bis dahin Vereine wie Real Madrid oder der AC Mailand als Erbmasse der UEFA unter sich verteilt hatten. Zwölf Jahre nach Amtsantritt Neudeckers hatte die einstige überfinanzierte graue Maus mit dem Landesnamen im Vereinstitel den deutschen Fußball so stark geprägt wie sonst nur der 1. FC Kaiserslautern in den 50er Jahren und der Schalker Kreisel rund ein halbes Jahrhundert zuvor.

Doch wenig ist vergänglicher als Ruhm und vom 1974 erreichten Gipfel gab es nur noch eine mögliche Richtung: Ab ins Tal. Die immer seldigere Persönlichkeit des Despoten an der Vereinsspitze gab den Ton des Niedergangs vor. Wie wohl viele Unternehmer bezeichnete sich Neudecker selbst als autokratischen Demokraten, nunja. Zu seinem fliegenden politischen Fahnenwechsel von der SPD zur CSU einige Jahre zuvor ließ der Unternehmer im SPIEGEL verlauten, er wolle nicht dereinst "seinen" FC Bayern "als Dynamo Bayern München unter Führung eines kommunistischen Politruks" enden sehen. Eine selbst für Kaltkriegszeiten im Freistaat politische Unzurechnungsfähigkeit indizierende Aussage.

Die Selbstherrlichkeit, mit der Erfolgscoach Cajkowski wegen seiner "Sprunghaftigkeit" (O-Ton Neudecker) und Doublegewinner Zebec wenige Monate nach dem Doppeltriumph wegen "Eigensinnigkeit" (und wieder: O-Ton N.) gegangen wurden, verdeckte der Erfolg der Maßnahmen, der im Fußball schon immer der alleinige Maßstab für Recht und Unrecht war. Doch das Heuern und Feuern sportlicher Leiter war Symptom von Planlosigkeit. Vom "Jugend forscht"-Konzept der Neudecker'schen Anfangsjahre war wenig übriggeblieben. Zwischen dem Doublegewinn 1969 und dem Europacuptriumph 1974 verpulverte der FC Bayern für damalige Verhältnisse unerhörte 10 Mio. DM für rund 20 Transfers. Vermeintliche Stars wie Torstensen, Kapellmann oder Wunder kosteten allein jeweils fast 1 Mio. DM Ablöse, scheiterten aber krachend.

Das neue sportliche Heim mit dem futuristischen Zeltdach war Fluch und Segen zugleich. In einer Welt, in der Vereine ihre Etats zu 80 % aus dem Eintrittskartenverkauf bestritten, war das Olympiastadion mit seinen 80.000 Plätzen eine Lizenz zum Gelddrucken und bildete die Basis der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte des FC Bayern, verleitete aber auch zu einer hybriden und prinzipienlosen Transferpolitik. Zugleich waren die teuren Zukäufe gemeinsam mit der Partizipation der alteingessenen Ex-Talente an ihrem sportlichen Erfolg Kostentreiber. 1975 veranschlagten die Bayern monatliche Fixkosten von 700.000 DM. Geld, das in Zeiten dank Bundesligaskandal nachlassender Zuschauerzahlen vor allem durch horrende Antrittsgagen für Freundschaftsspiele eingespielt werden musste. Heute unvorstellbar wurde die mit hochbelasteten Weltmeistern gespickte Mannschaft von Neudecker über Land geschickt, um bei Kirmeskicks die explodierten Gehälter zu refinanzieren. Was auf Kosten sportlichen Erfolges in den ernsthaften Wettbewerben ging, was wiederum die Antrittsgagen senkte. Ein Teufelskreis, aus dem Lattek mit der inhaltsbefreiten Forderung, es müsse sich "etwas ändern" auszubrechen suchte. Des allgewaltigen Neudecker Antwort: "Es ändert sich auch was. Sie sind entlassen!"

Die Geschichte nutzte Lattek später am Fernsehstammtisch als Schenkelklopfzieher in Endlosschleife. 1975 war sie nur Ausweis der Allmacht des Präsidenten. Am eigentlich kollektiv für die Besetzung des Trainerpostens zuständigen, konsequent mit Abnickern auf Wackeldackelniveau besetzten Präsidium vorbei wies Neudecker dem Architekten der besten deutschen Vereinsmannschaft der Geschichte die Tür wie einem widerspenstigen Handwerker, der den Zeitplan zum Umbau des Kabinentraktes nicht eingehalten hatte.

Zum Nachfolger machte er den US-Nationaltrainer. Heute wie damals eine Horrorvision. Der aus der damals noch mehr als heute als Fußballdiaspora zu bezeichnenden neuen Welt zurückgeholte Fußballlehrer hörte auf den Namen Dettmar Cramer. Die Zweifel kamen gleich mit. Die zugleich übersättigten und überspielten Altstars, die zum großen Teil so alt noch gar nicht waren, taumelten durch die Bundesligasaison. Anders als Lattek besaß der oft dröge daherkommende Cramer auch kein Entertainergen, das dem sportlichen Niedergang zumindest einen unterhaltsamen Anstrich hätte geben können. Was Cramer vor einer schnellen Entlassung bewahrte, war natürlich die Titelverteidigung im Europapokal der Landesmeister. Doch ob Neudecker Cramer ohne dessen zu DFB-Zeiten aufgebauten guten Draht zu Kapitän Beckenbauer überhaupt bis in die Endphase der Saison hätte weiterwursteln lassen, ist fraglich. Ob Neudecker es bemerkte, ist nicht überliefert. Aber die Macht im Verein verschob sich langsam, aber sicher Richtung Mannschaft. Schon die Verpflichtung Latteks, den Beckenbauer ebenfalls als Auswahlcotrainer kennen und schätzen gelernt hatte, soll der Kaiser dem Alleinherrscher von München eingeflüstert haben. So wurden die Bayern auch in Sachen Kräfteverschiebung, 20 Jahre später durch das Bosman-Urteil beschleunigt, zu einem Vorreiter. 

Breitnigge oder "Sie reden ja wie ein Gewerkschaftsboss!"
Die Revolution verpflichtete Neudecker 1978 dann höchstselbst. Über eine Million Mark zahlte er für Paul Breitner. Das erfolgsverwöhnte Münchener Publikum dürstete nach den Abgängen von Beckenbauer und Müller Richtung USA und nach einem katastrophalen 12. Rang 1978 nach neuen Stars. Cramer war ein halbes Jahr zuvor in einem skurrilen Tauschhandel im Wechsel mit Gyula Lorant nach Frankfurt geschickt worden. Die immer kurzatmigere Heuer-Feuer-Politik Neudeckers wandte sich gegen ihn.

Lorant wurde bereits nach einem Jahr entlassen. Einen Plan B gab es nicht. Neudecker beförderte Co Pal Csernai zum Chefttrainer. Kommissarisch. Bis ein anderer gefunden ist. Als hätte gerade Neudecker es nicht besser wissen müssen. Csernai kam mit seiner verbindlichen, konzilianten Art in der Mannschaft gut an. Was Neudecker in etwa so desinteressiert zu Kenntnis nahm wie eine Ballettaufführung in der Olympiahalle. Was den Patron des inzwischen finanziell ins Schlingern geratenen Ex-Vorzeigeclubs, der seit bald drei Jahren nichts mehr gewonnen hatte, interessierte, war die sich nicht bessernde sportliche Lage.

Die Mannschaft wollten Csernai behalten. Neudecker war skeptisch. Also stellte der Präsident nach einem Gespräch mit Breitner, Maier und Co. ein Ultimatum. Mindestens drei Punkte aus den nächsten beiden Spielen. Was die Spieler als Absprache auffassten, hielt der machtbewusste, ikonische Präsident für eine jederzeit widerrufbare Geste des guten Willens. Konsultation mit niederen Angestellten über die Besetzung des Postens des sportlichen Leiters? Wo kommen wir da hin? Wie wenig die meist graubehaarten Herren über den Fußball die Zeichen der Zeit verstanden hatte, zeigte DFB-Präsident Neubergers Kommentar 10 Tage nach der Krisensitzung: "Die Anstellung von Direktoren ist Sache der Gesellschafter, nicht der Angestellten. Das schreibt auch das Betriebsverfassungsgesetz nicht anders vor." Der zweite Satz deutet nur an, dass Herberger wie Neudecker das BetrVG für einen staatlich sanktionierten Akt der Subversion gehalten haben müssen.

So entfaltet sich das Drama am 17. März 1979. Angeführt vom alternden Sepp Maier, Breitner und Rummenigge rumpelt sich der ruhmreiche FC Bayern zu einem 0:0 in Braunschweig. Auf der Gegenseite kostet der Punktverlust Bayerns Ex-Kapitän Olk den Posten als Cheftrainer. Doch diese Geschichte aus der Abteilung "ausgerechnet" wird untergehen. Neudecker hatte Max Merkel als neuen Trainer verpflichtet, während die Mannschaft an der Hamburger Straße um Csernais Verbleib kämpfte. Wutschnaubend behauptete Maier, der von Journalisten über seinen neuen Vorgesetzten informiert worden war, in einem Telefonat mit Neudecker, die Mannschaft habe 16:0 gegen Merkel abgestimmt, und werde ab Montag streiken. Die Abstimmung hatte es nicht gegeben. Es waren auch nur 15 Spieler mit nach Braunschweig gereist. Solche Details wurden im Neudecker'schen Empörungssturm verweht. Maier erhielt oben zitierte Ansage. Der "Gewerkschaftsboss" rangierte im Kosmos des Bauunternehmers im Ansehen wohl irgendwo zwischen Schmeißfliege und 1860er. Zwei Tage später war Neudeckers 17-jährige Regentschaft beendet. Der Präsident trat zurück, Merkel sein Amt nie an.

Wie tief der Groll beim Architekten des erfolgreichsten deutschen Clubs saß, zeigte sich in den folgenden Tagen. Mit einem Anruf bei Bundestrainer Derwall beendete er, der auch Vorsitzender des Ligaausschusses war, die Nationalmannschaftskarriere von Sepp Maier und verstieg sich zu der Aussage, der deutsche Fußball müsse nun "von einigen Terroristen gesäubert werden". Schon die Wortwahl war wie die Gutsherrenart, mit der der damals 65-jährige den Verein in die Krise gemanagt hatte, aus der Zeit gefallen. Und doch hatte die "L'état, c'est moi"-Attitüde ihr Gutes. Da die Gremien des Vereins konsequent mit Jasagern besetzt waren, hinterließ sein Abgang ein Machtvakuum, das im folgenden Sommer ein 27-jähriger mit Leben füllen sollte, der eben erst seine Spielerkarriere beendet hatte: Ulrich Hoeneß.

Neudeckers Verdienste um den Verein sind heute unbestritten. Er blieb noch bis 1985 Ligaausschussvorsitzender und wurde Ehrenpräsident des FC Bayern. An Heiligabend 1993 starb der Mann, der dem deutschen Vereinsfußball den ersten Modernisierungsschub verpasste, und von der eigenen Revolution gefressen worden war. Geschichte schrieb er als Vater der Erfolge der 70er Jahre, aber eben auch als der erste Präsident, der einem Spieleraufstand zum Opfer fiel.

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