Großer Mann, kleiner Abgang: Hitzfeld



Heuer sind sie gefeierte Architekten von Erfolgsmodellen, morgen schon selbstherrliche, planlose, verbrecherische Versager. Trainer, Präsidenten, Manager des FC Bayern. Geliebt, vergöttert, verhasst. Die ganze Bandbreite öffentlicher Wahrnehmung, oft durchlebt in wenigen Jahren. Die nach außen stolz vor sich hergetragene Polarisierung setzt sich im Binnenverhältnis zwischen Gremien, Trainern, Mannschaft und Anhängern in Form oft völlig übersteigerter Erwartungshaltung fort. So wird der gerade noch geflochtene Lorbeerkranz zum Wurfgeschoss. Oder um es mit dem Kurzzeitbayern Rehhagel zu sagen: "Dann werfen die Leute Blumen und lassen die Töpfe dran!" Eine Rückblende auf schändliche Abgänge großer Bayern-Männer. 

TEIL 2: Das Mensch gewordene Magenmedikament 
"Füüüüünfundzwanzig Jahre! Jetzt ist er da", brüllt ein wie selten euphorisierter Oliver Kahn in Stephan Lehmanns Mikrofon, als er den Balkon des Münchener Rathauses betritt. An der rechten Pranke, mit der er rund 15 Stunden vorher verzweifelte Exoten wie Pellegrini oder Carboni zu einem Teil der bayerischen Vereinshistorie gemacht hat, baumelt das Ding mit den großen Ohren. Mai 2001. Es war ein guter Tag, ein ganzes Geschichtsbuch zu schreiben. Der berühmteste Autor ist der "Titan", der Herausgeber ist Ottmar Hitzfeld. Ein Trainer in den besten Jahren auf dem Gipfel seiner Schaffenskraft, auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Der einzige Trainer der Moderne, der Europas wichtigsten Vereinswettbewerb mit zwei Vereinen gewann. Noch drei Jahre bis Avatar.

Gut gemeint und gut gemacht sind ein unauflösliches Gegensatzpaar wie Bayern und Katzen, Lüdenscheid Nord und Herne West. Als die Bierduschen abgewaschen, der Henkelpott in die Vitrine verfrachtet und der Marienplatz geleert ist, hagelt es gut gemeinte Ratschläge an Ottmar Hitzfeld. Wer auf dem Gipfel steht, hat keine Wahl, als abzusteigen. Da Stillstand Rückschritt und im Tagesgeschäft Fußball ohnehin keine Option ist, liegt der Rat an den "General" nahe: Rücktritt. Die wahre Krönung einer Karriere ist nicht der größtmögliche Erfolg, es ist der Abtritt zum richtigen Zeitpunkt. Was könnte richtiger sein, als den FC Bayern jetzt zu verlassen? Jetzt, da es nichts mehr zu gewinnen gibt? Jetzt, da der Weg aus den Rehhagel-Trapattoni-Chaos-Jahren an die Spitze Europas gegangen ist? Hitzfeld lässt perlen. Sechs Wochen nach dem Rausch von San Siro steht er wieder auf dem Trainingsplatz an der Säbener. Pacta sunt servanda. Ende der Diskussion. Ist das noch preußische Pflichterfüllung oder schon Kahn'sche "Immer-weiter"-Endlosschleife?

In Dortmund hatte Hitzfeld nach dem CL-Triumph vier Jahre zuvor versucht, den Umbruch zu wagen. Hitzfeld wusste: Nichts bleibt für immer, aber im Fußball ergraut der Erfolg von gestern schneller als seine eigene Haartracht. Das überalterte schwarz-gelbe Ensemble umbauen, war der Plan. Er zerschellte am Widerstand von Sammer, dessen Abneigung gegen Sättigungsgefühle erst nach der Spielerkarriere entstanden sein muss, und am Zögern von Niebaum und Meier. Hitzfeld wurde gesichtswahrend weggelobt. In München macht er den Versuch erst gar nicht. Es sei denn, man deklariert Zukäufe von Thiam und Kovac bei gleichzeitigem Abgang des Helden von Hamburg als Umbruch.

Wurde ihm im Revier Herzlosigkeit unterstellt, weil er die Triumphatoren über Juventus teilweise abschieben wollte, schlägt ihm in München der Vorwurf der Nibelungentreue zur Elf von Meazza entgegen. Sieht er nicht, dass sein Anführer Effenberg über dem Zenit ist? Dass die Mannschaft ohne den 33-jährigen besser funktioniert? Die Re-Integration des zu Saisonbeginn verletzten Spielgestalters nimmt die Mannschaft in sportliche Geiselhaft. Das Thema "Effe" begleitet die Saison 2001/2002. Satt, müde, ausgelaugt wie ihr wichtigster Spieler schleppt sich die Mannschaft durch eine titellose Saison. Tabellenplatz drei täuscht über den Mehltau auf einer Mannschaft jenseits des Höhepunktes nicht hinweg. Die vermeintliche bestia negra geleitet Real Madrid nur durch das CL-Viertelfinale auf deren Weg nach Glasgow. Den schönsten Fußball spielt Leverkusen, den Blattschuss setzt Dortmund, selbst die im Vorjahr ins Tränenmehr gestürzten Schalker sind im DFB-Pokal eine Nummer zu groß. Wer "Weltpokal" ruft, ist nur ein unverbesserlicher Ottmar-Versteher. Sammer ist Meistertrainer. Noch zwei Jahre bis Avatar. 

Stunde null
Der Weltpokal ist eigentlich nur ein Interkontinentalpokal zwischen Südamerikas bester Vereinsmannschaft und Europas CL-Sieger. Und doch: nur vier Jahre zuvor, 1998, wäre eine vergleichsweise ruhige Spielzeit mit einem (minderwertigen) Titel wie 2001/2002 ein Wunschtraum manches Bayernanhängers gewesen. Als Hitzfeld übernimmt, ist der Glanz des FC Bayern nur Fassade. Man ist zwar amtierender Pokalsieger, damals 1998. Aber die acht Jahre seit Heynckes' Doppeltriumph über Daum sind alles, nur nicht glorreich. Uli Hoeneß nennt die Entlassung seines Freundes vom Niederrhein im Oktober 1991 seinen größten Fehler. Weil er hautnah miterlebt hat, wie der Club danach orientierungslos dahinvegetiert. "Der HSV der 90er" wäre übertrieben, aber von Hegemonie an der Tabellenspitze ist der Club himmelweit entfernt. Lerby, Ribbeck, Beckenbauer, Trapattoni, Rehhagel, Beckenbauer, Trapattoni. Bei sieben Trainerwechseln in weniger als sieben Jahren fallen zwei Meisterschaften, ein Pokalsieg und ein bleibendes Image ab: FC Hollywood. Rehhagels "Nebenkriegsschauplätze", "Flipper" Klinsmann, Loddars Tagebuch, "Flasche leer". Der FCB ist einer dieser "Traditionsvereine", die konzeptlos von einer vermeintlichen Königslösung zur nächsten hecheln und trotzdem oder gerade deswegen unter Wert spielen.

Dann kommt Hitzfeld. Gelassenheit in der Außendarstellung, Sachlichkeit in der Arbeit und ausgerechnet Skandalkicker Effenberg als spiritus rector der Neuinszenierung bayerischer Fußballherrlichkeit. Ein fürwahr merkwürdiger Medikamentencocktail ist es, den der Gentleman-Doktor dem Patienten verschreibt. Es ist eine bittere Medizin, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Die bis dahin souveränste Meisterschaft der 99-jährigen Vereinsgeschichte wird Hitzfeld im Mai 1999 gewinnen. Die langen Schatten von Barcelona leuchtet er mit dem Double 2000 und dem Wunder von Unterhaching taghell aus. Seine mit Abstand schwächste Bundesligasaison 2000/2001 veredelt er mit dem Triumph von Hamburg und dem ersten großen Double seit 1974. Hitzfeld hat den Rekordmeister durch drei rauschhafte Jahre mit fünf Titeln navigiert, gilt als der beste seines Fachs, könnte sich den Arbeitgeber frei aussuchen. Er wählt die Vertragserfüllung in München. 

Vom Umbruch zum Zusammenbruch
Mit einem Jahr Verspätung wird die "Generation 2001" verabschiedet. Ballack statt Effenberg, dazu Deisler und Zé Roberto. Das Beste ist gerade gut genug. Old Trafford, Finalort der CL 2003, soll das neue Meazza werden. Der ganz große Angriff, der versandet, bevor er beginnt. Als es kalt wird in Deutschland, ist Bayerns Europatour beendet. Gruppenletzter, Vorrundenaus. Ein Kader wie ein luxussanierter Altbau ohne fließend Wasser. Ein Desaster. Hitzfeld wird bemitleidet. Wie ein Boxer, der den einen Kampf zu viel gemacht hat. Grandezza ohne Sinn. Ein Pokalachtelfinale gegen Aufsteiger Hannover als Schicksalsspiel. Keine achtzehn Monate ist die Heldensaga vom Titan alt, als Hitzfelds Entlassung eine Frage von Tagen zu sein scheint.

Hannover wird bezwungen, das schlingernde Schiff auf Kurs gebracht. Ex-Bayern-Akteur Jürgen Röber ist als Wolfsburger Trainer erster Gratulant zur Meisterschaft 2003. Wenig später hat Hitzfeld als erster Bayern-Trainer der Geschichte sein zweites Double gewonnen. Doch selbst das schiebt den Niedergang nur auf. Noch ein Jahr bis Avatar.

Was ist es eigentlich, das die Saison 2003/2004 so schrecklich macht? Das Achtelfinalaus gegen Real Madrid ist früh, aber ehrenwert. Der zweite Platz in der Liga rechtfertigt das Abmeiern des Erfolgsgaranten im Trenchcoat nicht. Es ist ein Gefühl. Der Zug der Zeit ist abgefahren. Ohne den FC Bayern. Der Lokführer ist Thomas Schaaf. Mit Namenlosen wie Ailton und vermeintlich Abgehalfterten wie Micoud hat er Schönheit mit Erfolg verbunden. Die Zweckmäßigkeit des Hitzfeld'schen Erfolgsfußballs ist eben nicht alternativlos. Der General ist aus der Zeit gefallen. Die Speerspitze des Fortschritts steht in Bremen.

Die Führungsqualitäten des Franzosen mit den Zauberpässen stehen im Kontrast zum Mangel an Charisma von Hitzfelds erklärtem Anführer Ballack. Ein ganzes Jahr wird diskutiert, ob Deco die Zukunft der Bayern ist. Hoeneß' Kampfansagen sind nichts als heiße Luft, weil die Mannschaft nicht liefert. Die zurückhaltende Art des Transfergenies Allofs kontrastiert schön mit dem rückwärtsgewandten Poltern des Bayern-Managers. Die letzte Bastion sind die großen Spiele. Schön spielen die anderen. Die Titel gehen nach München. Mia san mia. Immer noch. Oder auch nicht. Als Bremen in München aufspielt, wird es hässlich. Die Bayern werden schön hergespielt. Das 1:3 schmeichelt. Die Meisterschaft ist weg. Schaafs Beckenbauer-Gedächtnis-Lustwandeln auf dem Grün unter dem Zeltdach ist eine Ikone verlorener bajuwarischer Vormacht.

Aus Hitzfelds Gesicht spricht der Niedergang. Nach außen gestülpte Emotionalität ist seine Sache nicht. Die Fassung zu bewahren, gehört zum Lebenselexier. Das Ventil zu öffnen wäre Verrat an der eigenen Person. Das eingefallene Antlitz, das an das Schandmaul aus der Late-night-Programmschiene erinnert, der ihm einst den Beinamen "Rennie" gegeben hatte, ist Symbol der verfallenen Größe. Aber es spiegelt auch die Demontage in den Monaten zuvor.

Über Hitzfelds Abgang wird spekuliert. Monate, bevor Ailton, Micoud und Klasnics Treffer sowie Kahns Flutschfingeranfall den wankenden endgültig zum eingeschlafenen Riesen machen. Während Hoeneß zu öffentlichen Treueschwüren anhebt, die ihm keiner glaubt, zieht Rummenigge an der Strippe Fäden. Mit bayerischem Ass im Ärmel pokert Felix Magath auf KHRs Geheiß vermeintlich um einen neuen Vertrag in Stuttgart. Dabei ist der fliegende Wechsel längst geplant. Nach München. Als Hitzfelds Nachfolger. Während die Medien die Litanei vom fallenden Trainergenie singen, der seine Spieler nicht mehr erreicht, erreichen die Spieler Gerüchte, dass ihr Vorgesetzter eine lahme Ente sein könnte. Das Doppelspiel, in dem man Hitzfeld hinhält, bis Magath sich entschieden hat, ist abstoßend. Dass der VfB am letzten Spieltag die CL verpasst, nachdem der Transfer ruchbar wurde, ist der geringste Kollateralschaden. Den Umgang mit Hitzfeld umweht ein Hauch von FC Hollywood. Sechs Jahre nach Amtsantritt steht die Nachhaltigkeit und Ehrbarkeit bayerischen Managements wieder in Frage. Nicht für den Gentleman. Der konstatiert lapidar, dass die anderweitige Planung des Vereins zu akzeptieren sei. Größe im Abgang, den kein Kleingeist hätte schlimmer inszenieren können.

Wie nachhaltig Hitzfelds Konstitution durch die öffentliche Demütigung angegriffen war, zeigt sich Wochen nach der Entlassung. Den Lebenstraum Bundestrainer lässt er sausen. Seiner Frau habe er versprochen, aus gesundheitlichen Gründen kürzer zu treten. Nach einer chaotischen Suche wird statt seiner Jürgen Klinsmann mit dem Wiederaufbau aus den Trümmern der Völler-Ära betraut. Jener Klinsmann, der sich später selbst als Bayerntrainer demontieren wird.

Der Epilog beginnt zweieinhalb Jahre später. Hitzfeld wird Nachfolger seines Nachfolgers. Niemand brüllt, auch nicht Oliver Kahn. Und doch erhält Hitzfeld die Gelegenheit, seinen Münchener Kreis würdevoll zu schließen. Dieses Mal wird er nicht durch die Hintertür verabschiedet. Dieses Mal gibt es den ganz großen Zapfenstreich. Das dritte Double auf dem Konto, Tränen in den Augen, Blumen in den Händen. Zeeeehn Jahre nach der Demontage gilt Hitzfeld als einer der Größten. Das Bild ist wieder ungetrübt. Die Schmach ist getilgt, die Schande vergessen. Die Schande der unwürdigen Entlassung von 2004.

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