Drei Trainer, ein Problem



Der Hype um Josep "Pep" Guardiola nach dessen feststehender Verpflichtung im Januar 2013 war gar nicht so ungewöhnlich, wie man meinen könnte. Dank der modernen (sozialen) Medienlandschaft war die Aufregung potenziert. Aber das Narrativ von der sportlichen Weltherrschaft, die mit ein paar Unterschriften auf einem Cheftrainervertrag zu erlangen ist, ist nicht neu. Das Problem mit hochhängenden Erwartungen ist das von Limbo unter einer Stange auf Höhe einer Fußballtorlatte. Es ist leicht, darunter her zu spazieren. Quod erat demonstrandum. Ein Rückblick auf drei Trainer, die als Heilsbringer kamen und als Problembären gingen (oder gar nicht kamen).

Last exit Calgliari
Der Katalane mit dem Weltmanncharme ist so etwas wie der uneheliche Sohn des "Mister". Giovanni Trapattoni war 1994 einer der besten Trainer der Welt. Der damals 55-jährige war der Inbegriff des Erfolgscoaches. In zwanzig Trainerjahren hatte er ebenso viele große Titel geholt. Zudem verkörperte der überzeugte Anzugträger die Grandezza, die ihn zu jenem würdigen Repräsentanten des FC Bayern machen würde, den man für den Posten an der Seitenlinie suchte und erst später in Ottmar Hitzfeld finden sollte.

Harry Koch war ein 24-jähriger Halbprofi bei einem weit über die eigenen Verhältnisse spielenden Dorfclub, der überzeugter Träger eines Miniplihaarschnitts mit Pony war und in dessen vom Kampfgeist minderbegabter Kicker geprägten Gesicht ein haariger Unternasenbalken an kalten Regionalligaspieltagen verhinderte, dass für Taschentücher bestimmte Körperflüssigkeit in seinen Mund laufen konnte. Ein einziges Spiel machte ihn zum Bundesligaspieler. Er sollte Meister und Pokalsieger werden und über 200 Erst- und Zweitligaspiele machen. Doch im Sommer 1994 lag der Grad von Wahrscheinlichkeit, dass sich die Wege von Harry Koch und Giovanni Trapattoni einmal schicksalhaft kreuzen würden, zwischen dem eines Engagements von Jose Mourinho beim FC Augsburg und dem des Überlebens eines Schneeballs im Juli in Mailand. Und doch passierte es an jenem 14.08.1994.

Goliaths Bezwinger David war ein Sitzriese gegen den später mit der ruhmreichen Spielvereinigung Fürth fusionierten Verein mit dem schier unaussprechlichen Namen Spielvereinigung Vestenbergsgreuth, für den Harry Koch die selbstgekauften Schuhe schnürte, und mit dem er in der ersten Pokalrunde auf den Rekordmeister FC Bayern München traf. Der von jenem Mister trainiert wurde, der mit allen Trophäen des Weltfußballs per Du war. Es ging nicht um die Höhe des Sieges. Es ging um die Vermeidung der Zweistelligkeit. Auch wenn der Status der Bayern nicht mit dem der Gegenwart vergleichbar ist, waren die Roten in ihren hässlichen, nur von Copacabanaverächtern "brasilianisch" genannten dottergelben Auswärtsleibchen scheinbar das deutsche Starensemble. Stars wie Matthäus, Papin, Helmer oder Scholl garantierten für das größte Publikum in der Vereinsgeschichte der ins Nürnberger Frankenstadion umgezogenen Greuther, aber auch für chancenloses Ausscheiden in Runde eins. Es kam anders.

Als Harry Koch in der dritten Minute der Nachspielzeit einen von Vorstopperkollege Bernd Lunz an den Pfosten geklärten Papinheber von der Linie drosch und Dr. Merk abpfiff, waren Wettanbieter um tausende DM ärmer und die bayerische Pokalgeschichte um eine Blamage reicher. Das 1:0 der "dilettanti" von Vestenbergsgreuth schaffte es auf die roséfarbene Titelseite von Italiens größter Sportzeitschrift und der erfolgreichste Übungsleiter aus dem Land der Taktikgenies war angezählt, bevor er richtig in Deutschland angekommen war.

Aus der Hochzeit im Himmel zwischen Italiens bestem Trainer und Deutschlands ruhmreichstem Verein wurde schnell eine Krisenbeziehung. Das peinliche Ausscheiden im Pokal war der Auftakt. Die eher semiattraktive Spielweise, die der vorsichtige Ex-Abwehrspieler vorgab, die Sprachbarriere und die überhöhte Erwartungshaltung an eine mit nur vermeintlichen Supertalenten wie Frey, Hamann, Nerlinger oder Sternkopf gespickte, im Umbruch befindliche Mannschaft führten zum inakzeptablen sechsten Platz. Was Trapattoni vor der frühzeitigen Entlassung bewahrte, war neben akutem Mangel an Alternativen nur das überraschend gute Abschneiden in der noch in den Kinderschuhen steckenden Champions League. Das erschütternd chancenlose 2:5 im Halbfinale gegen Ajax Amsterdam war aber auch der letzte Sargnagel. Dass gegen das Jahrhundertensemble von van Gaal wohl auch jeder andere Trainer gescheitert wäre...geschenkt. Wenige Wochen später verabschiedete sich Trapattoni nach Sardinien. 

König für nicht mal ein Jahr 
Noch während "Trap" seinen verdutzten Eleven in Deutschland unbekannte Trainingsübungen in italogermanischem Kauderwelsch näherzubringen suchte, hatte der FC Bayern den Trainertransfer des Jahrzehnts eingefädelt. Otto! Rehagel! Nach! München! Die mediale Schnappatmung kannte kaum Grenzen. Ausgerechnet der Han Solo aus dem beschaulichen Bremen, der den Todesstern vom Alpenrand seit über einem Jahrzehnt piesackte, sollte die bajuwarische Hegemonie an der Spitze der Bundesliga wiederherzustellen helfen. Anders als Trapattoni bekam Rehhagel einen geradezu erlesenen Kader zur Verfügung gestellt. Strunz, Herzog, Sforza und Klinsmann kamen. Bundesligatrüffel kaufte Hoeneß dem Ex-Erzfeind zusammen. Das Beste war gerade gut genug. Die Meisterschaft war eine Frage des "Wann?", nicht des "Ob?".

Die Marketingabteilung arbeitete zwar nach dem Motto "gut geklaut ist besser als schlecht erfunden". Mit Olympia in Barcelona im Kurzzeitgedächtnis schwadronierte man vom Dreamteam und verteilte gratis ulkige Versandhauswerbekappen. Nebenkriegsschauplätze aus der Steinzeit der Bundesligavermarktung.

Doch aller Vorschusslorbeer im Sommer 1995 konnte nicht verdecken, dass auch Rehhagel in seine erste (und letzte) Saison mit einer schier unbezahlbaren Hypothek ging. Sein Vorgänger, der auch sein Nachfolger werden sollte, trug sie höchstselbst ins Grundbuch des ottonischen Bayern-Reiches ein. In seinem letzten Spiel nach 14 Werder-Jahren am 17.06.1995 verbaselte Rehhagel mit Bremen den möglichen dritten Meistertitel. In München. Statt als Triumphator an die neue Wirkungsstätte zu kommen, revitalisierte der Rekordmeister das längst abgelegte Image vom ewigen Vize Otto. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass Rehhagel ausgerechnet mit dem dreifachen Torvorbereiter von jenem letzten Spieltag 94/95, Mehmet Scholl, nie zurechtkommen sollte.

Jene Männerfeindschaft überschattete selbst die erfolgreiche Anfangsphase der Dreiviertelsaison unter Rehhagel. Der Trainer setzte auf den Bremer Weggefährten Herzog als Ein-Mann-Kreativzentrale, dem an der Säbener mit wesentlich größerer Lobby ausgestatteten Scholl blieb meist nur die Ersatzbank. Im Prä-Rotationszeitalter ein Sakrileg. Während schrittweise die einzige Majestät im Bayernkosmos über dem König den Teenie-Liebling als seinen Lieblingsspieler zu erkennen gab und später in die Mannschaft sang, geriet Herzog als Trainerliebling in die Isolation des Klassenstrebers. Über die Dissonanzen trösteten noch der Startrekord mit sieben Siegen und Fußballfeste wie in Karlsruhe hinweg. Als sich neben dem Erlebnis auch die Ergebnisse verabsentierten, wurde Rehhagel zum König ohne Reich und Deutschlands anspruchvollster Club zum Komödienstadl.

Das Image vom "FC Hollywood", das noch in jüngerer Zeit bei Strategiegesprächen von Philipp Lahm mit der SZ oder der Ausmusterung von CL-Final-Torschützen auf Pressekonferenzen schemenhaft erscheint, wurde in jener Saison begründet. Nie war der FC Bayern so peinlich wie unter Rehhagel. Die BILD las von Scholls Lippen das W-Wort Richtung Trainer. Zum Dank beschied Rehhagel auf den vom ihm verhassten täglichen Pressekonferenzen Fragen nach dem abwesenden "Scholli" mit der Antwort, diesem werde bei den Amateuren in Hinterzuffenhausen Spielpraxis gegeben, als wäre Deutschlands kreativster Spieler ein talentbefreiter B-Jugendlicher. Wenn Matthäus seinen begrenzten Kosmos nicht gerade in "Dageebuchforrrm" veröffentlichte, wettete er mit Manager Hoeneß auf die Torquote von Mannschaftsfeind Klinsmann. SAT 1 schnitt Delphinserienjingles unter Videos mit meterweit vom Fuß des späteren Sommermärchenarchitekten springenden Bällen. Matthäus hatte wegen der vielen Stockfehler des Stürmers teamintern den auf Spielautomaten gemünzten Spitznamen "Flipper" für Klinsmann etabliert. Zum Dank für die Demütigungen im Club putschten Klinsmann und der ebenfalls in München spielende Thomas Helmer Matthäus übergangsweise aus der Nationalmannschaft, was dem Binnenklima im Verein naturgemäß wenig zuträglich war. Zwischen den (zu) vielen Alphatieren wuselten Ich-AGs wie Ziege, Sforza, Strunz oder Papin, während Rehhagel durch ignorante und selbstherrliche Pressearbeit das Münchener Journalisten-Bonmot bestätigen zu wollen schien, nach dem der Unterschied zwischen Gott und Otto sei, dass Gott wisse, dass er nicht Otto ist.

Das Ende vom Lied sang ein Rostocker namens Jonathan Akpoborie, der für Hansa gegen vogelwild anrennende Münchener im April 1996 das goldene Tor zum 1:0-Auswärtserfolg in München erkonterte. Wenige Stunden später war das größte Missverständnis der jüngeren Bayern-Geschichte beendet. Rehhagel rettete auch nicht, dass er wenige Tage zuvor ins UEFA-Cup-Finale eingezogen war. Den allfälligen Titel sammelte statt seiner Franz Beckenbauer ein. Nachfolger von Rehhagel wurde...Giovanni Trapattoni. Keine Pointe. 

„Don’t believe the hype!“ in neuer Dimension 
Viele Bayern-Trainer wurden als Retter gefeiert und als Zerstörer bayerischer Fußballvormacht mit Schimpf und Schande verabschiedet. Aber all die Rehhagels, Trapattonis, Ribbecks und Klinsmanns, so unterschiedlich ihre Erfolge und die Gründe ihres Scheiterns waren, hatten eines gemeinsam: Sie traten ihr Amt an. Was man von Max Merkel nicht behaupten kann.

Merkel war sowas wie der Felix Magath der 60er und 70er Jahre, nur richtig hart. Als die Bundesliga laufen lernte, war er 1966 und 1968 mit zwei verschiedenen Vereinen Meister geworden, zehrte aber schon wenige Jahre später nur noch von dank fragwürdiger Menschenführung vergangenem Ruhm. Dennoch hielt der allmächtige Präsident Neudecker den Schleifer für genau den richtigen, um die durch das Niemandsland der Saison 78/79 taumelnde Mannschaft auf Vordermann zu bringen. Hinter dem Rücken des als Spielerversteher geltenden Pal Csernai und der Mannschaft verpflichtete Neudecker Merkel. Die Mannschaft erfuhr davon aus dem Fernsehen und drohte mit Streik. Die Aufregung erschöpfte sich in Diskussionen um zu große Macht der Spieler, die Revoluzzerattitüde des Ex-Maoisten Breitner und den Sturz von Neudecker. Der Hype, der nicht war, um den Trainer, der nicht wurde. Statt Csernai ging der Präsident über Bord, Merkel kassierte zwei Jahre lang vom damals nicht gerade auf Rosen gebetteten FC Bayern volle Bezüge, ohne ein einziges Training zu leiten.

Pep knows best
Wenn sich also jemand über die misslungene Triple-Verteidigung 2014, die angebliche Hispanisierung Bayerns oder das blamable Aus gegen Real erregt, sei ihm der Rückblick auf Heilsbringer aus dem Stiefelland, Revolutionäre aus dem Land der begrenzten Unmöglichkeiten oder den Möchtegern-König aus dem Stadtstaat empfohlen. Verglichen mit solchen Missverständnissen übererfüllt Guardiola die nicht geringen Erwartungen um ein Vielfaches.

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