Zuviel



In der Vorrunde, als mich die Brasilianer noch nicht emotional gepackt hatten, musste ich bei deren Spielen mehrfach an Philipp Lahm und sein Buch denken. Ich habe es nicht gekauft und nicht gelesen (ja, das Bekenntnis ist mir wichtig). Aber die üblichen Vorabdrücke zur Ankurbelung des Verkaufs habe ich mitbekommen. Lahm berichtete von unerquicklichen Dialogen mit dem Vereinstrainer Jürgen K. bei Bayern München. Auf Nachfragen nach taktischen Kniffen habe der Damals-schon-Ex-DFB-Motivator immer nur geantwortet, die Mannschaft sei derart austrainiert, dass man den Gegner einfach überrennen werde. Mir wollte scheinen, genau das war schon bei den Begegnungen der Selecao mit Kroaten, Mexikanern und Kamerunern der Matchplan, der dieses Wort nicht verdient. Den Gegner einfach überwältigen, nicht mit taktischer Finesse geschweige denn dem mythischen jogo bonito, mit dem schieren Willen. Nicht gedrückt, beseelt von den Erwartungen der 200 Millionen Landsleute. Diese Mannschaft wirkte übermotiviert. Wie ein Reifen mit viel zu hohem Luftdruck. Zusammengehalten nur von den schmalen Armen ihres Über-Neymar, der nicht nur das Ein-Mann-Offensivkonzept der Mannschaft war, sondern neben Thiago Silva auch der einzige, der mit der monströsen Erwartungshaltung halbwegs gelassen umzugehen schien.

Das funktionierte in der Vorrunde leidlich, obwohl schon Kroatien im Eröffnungsspiel phasenweise aufzeigte, wie dieser Mannschaft beizukommen sein könnte. Die ebenfalls adrenalinübersäuerten Chilenen und Kolumbianer ließen sich noch auf diese wilde, fast infantile, aber mit maskuliner, vom Schiedsrichter geduldeter Überhärte gewürzte Spielweise ein. Mit der DFB-Elf traf man auf einen Gegner, der nicht gewillt war, sich von dem gelb-blauen Wirbelsturm aus dem eigenen Konzept fegen zu lassen. Und der die Mittel besaß, den eröffnenden Sturmlauf auszusitzen und nach seiner ersten Welle mit Organisation, Ballsicherheit und Abgeklärtheit ins Leere laufen zu lassen. Spätestens mit dem zweiten Gegentor wurden selbst so genannte gestandene Profis Opfer ihrer eigenen auf Überlebensgröße aufgeblähten cojones. Statt sich zu sammeln, Sicherheit und Ordnung wiederzufinden und durch ggf. brotlose Ballzirkulation ins Spiel zurückzufinden, rannte der vermeintliche Turnierfavorit überwältigt von der eigenen Verzweiflung planlos an, kam aber mehrfach nicht einmal bis zur Mittellinie und stolperte so ins deutsche Umschaltspielverderben. Das kann man mit taktischer Unbedarftheit nur schwer erklären. Hier standen reihenweise CL-Sieger (Luiz, Maicon, Cesar, Dante, Marcelo) und (ehemalige) Angestellte europäischer Topvereine (Oscar, Fernandinho, Fred) auf dem Platz und ein erfahrener Trainer an der Seitenlinie. Nein, diese Mannschaft von Belo Horizonte hatte ihre Mitte verloren. Als wollte sie mit dem Tritt aufs Gaspedal einen überhitzten Motor zum Laufen bringen. Der Himmel stürzte ein.

Dass bei einigen Spielern bereits bei der mehr herausgeschrienen als abgesungenen Nationalhymne vor dem Spiel oder vor dem Elfmeterschießen gegen Chile Tränen flossen, war Symptom der totalen Überfrachtung mit Hoffnungen einer Fußballmannschaft. Aus sportlicher Sicht bezeichnend war das Interview von Julio Cesar nach dem Achtelfinale, in dem er die Wiedergutmachung seines Fehlers von Südafrika 2010 konfabulierte. Vier Jahre, ach was, ein ganzes Fußballerleben ausgerichtet auf sieben Spiele in vier Wochen. Der sechste WM-Titel als Krönung von illustren Karrieren, deren Trophäenschränke mit Meisterschaften in Spanien, Italien, Deutschland oder England und CL-Tiumphen zu einer Vitrine mit „Sechster-Platz“-Tellern von Bundesjugendspielen schrumpfte. Die man ohne Zögern gegen diesen einen, im eigenen Land gewonnenen, goldenen Pokal getauscht hätte. Es galt schließlich, die seit Generationen nagende Schmach von 1950 wettzumachen.

Vor allem aber: eine Gruppe von 23 jungen Menschen, die zum großen Teil das 30. Lebensjahr nicht erreicht haben, sollte der Kit eines ganzen zerrissenen Landes sein. Statt sich dagegen abzuschotten mit der üblichen "Ich trete nur Bälle"-Haltung anderer Profis moderner Prägung nahmen die Spieler dieses Narrativ an. Sie machten sich schon während des Confed-Cups im vergangenen Jahr zu Botschaftern der diffusen bis konfusen Protestbewegung im Land wie Friedensnobelpreisträger, die ihr persönliches Prestige und körperliches Wohlbefinden zur Patronage von gefährdeten Demonstranten einsetzen. Protest gegen die FIFA und ihre rücksichtslose Profitgier, gegen die Korruption und Verschwendung beim Bau der Stadien, gegen die landeseigene Politik, die das extreme soziale Gefälle in dem riesigen Schwellenland vertieft statt es zu bekämpfen. Eine Fußballmannschaft, die alle in den letzten 30 Jahren aufgerissene Gräben wenn nicht zuschütten, dann doch überbrücken, ein gespaltenes Land einen sollte.

Als dann auch noch Neymars Verletzung hinzukam, bekam schon die Berichterstattung biblische Züge. Wie eine kollektive Hiobgestalt, deren Glauben ein letztes Mal mit dem größten anzunehmenden Unfall auf die ultimative Probe gestellt wird, nahm Brasilien das „Schicksal“ an. Gottes Hilfe wurde wesentlich öfter beschworen als die vermeintliche Ersetzlichkeit ihres besten Spielers. Natürlich hielten Torwart und Ersatzkapitän vor dem Halbfinale das gelbe Trikot in XS in die Höhe. Gott sei bei uns. Neymar sei bei uns. Wobei der Unterschied kaum noch erkennbar war. Elf Spieler als Verkörperung des Bonmot, dem zufolge es beim Fußball nicht um Leben und Tod (in diesem Fall: einer ganzen Nation) geht, sondern um wesentlich mehr.

So endete das Turnier passend "larger than life". Es wurde in der Tat Geschichte geschrieben, WM-Rekorde im halben Dutzend gebrochen. Die erste Pflichtspielheimniederlage seit 39 Jahren wurde eine, über die man im Land des Rekordweltmeisters noch in Jahrzehnten sprechen wird. Biblisch eben versank der Traum von der Hexa in einer Feuersbrunst aus Naivität und Übermotivation, prallte die Phantasie von einem weit über den Sport hinausweisenden Titelgewinn mit gefühlter Lichtgeschwindigkeit auf einen an diesem Tag unwiderstehlich stoischen, auch mit allem Willen der Welt nicht zu überwindenden Gegner auf und explodierte in ein Meer von ganz realen Tränen.

Wie der letzte Absatz war Brasilien am Ende einfach drüber. Der Druck war zu groß. Die Mannschaft zum elfköpfigen Versöhnungskomitee des riesigen Landes zu stilisieren, war ein Irrweg. Es war am Ende nur noch eine übermenschliche Last, die die deutsche Mannschaft in Bewegung setzte und die den Traum, mehr zu gewinnen als sieben Fußballspiele, unter sich begrub. David Luiz blieb es vorbehalten, die Grabrede zu halten. So bewegend seine tränenerstickte Entschuldigung auch war: die Wortwahl, man habe "seinem leidenden Volk nur Freude bereiten" wollen, war der letzte Beleg. Die weit jenseits des sportlichen Erfolges liegende Erwartungshaltung, die Identifikation mit dem eigenen Land und seinen Bewohnern, die damit verbundene mentale Belastung war eine Nummer zu groß. Das Gefühl, das sich bei mir breit machte, als ich (Bayern-Anhänger) einem der Dahoam-Traumatisierer Luiz mitfühlend in die Augen sah, war ein denkbar profanes: es war alles schlicht zu viel.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen