Global Pöbel-village oder die andere WM



Bewegungslegastheniker, die Per Mertesacker kritisieren. Lästert sich gut von der Couch. Die Augen ruhen auf dem second screen, aber für einen gut abgehangenen Gag über Özils Gesichtsstiele ist immer Zeit. Zwischendurch freut man sich, dass die "Spaghettifresser" draußen sind. Schland unverkrampft halt. Neymar ist ohnehin eine "Schwuchtel", aber ein Escobarwitz über Wirbeltier Zuniga ist trotzdem drin. Wo kommen wir da hin, wenn man nicht beide Seiten bepöbelt? Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Als Kirsche auf der Sahne gibt's Pöbeltweets gegen Schwalbenkönig Robben. Das Ganze wird gut eingewickelt in halbfremdsprachliche Kolonialklischees mit Deklinationsfehlern aus der Hölle (Kostprobe: "Ich will Costa Rica nicht in den (sic!) Semifinal sehen!"). Fertig ist das Paket, das wir die erste Social-media-WM nennen. Großer Sport halt.

Es hat ja was. Twitter, Facebook und Co. bieten das größte Wohnzimmer der Welt. Kommt man nach Mitternacht umnebelt von Substanzen, ohne die man die Tour de France gewinnen, aber keinen Abend in Düsseldorf aushalten kann, nach Hause und fläzt sich auf das kunstlederbezogene Etwas, das unsere Eltern Sofa nannten, ist man in der Regel allein mit sich und dank zeitverschobener WM einem Spiel zwischen Japan und Elfenbeinküste, Honduras und Chile oder Taka-Tuka-Land und den Seychellen. Aber der zweite Bildschirm offeriert einem eine schier unerschöpfliche Millionenmasse gleichgesinnt positiv Verrückter (*Oli Kahn voice*), die sich Nächte, Tage oder Abende (je nachdem, in welchem Erdteil sie sitzen, liegen oder im Rudel stehen) um die Hörorgane wickeln, um zu sehen, wie Didier Drogba Kopfballtore gegen zwei Köpfe kleinere Gegenspieler erzielt. Das ist schön, wird bisweilen kreativ ironisch kommentiert und führt zu sogar recht anregenden Konversationen, die den einsetzenden Kater oder die Stimme verdrängen, die im Kopf dröhnt und "Nie wieder [hier Substanz Ihrer Wahl einsetzen]" brüllt.

Das Problem an der Freiheit, die wir meinen, ist, dass sie allen zur Verfügung steht. Das ist nicht wirklich ein Problem, hat vielmehr ziemlich gute Gründe. Es zeitigt aber Ergebnisse, die einen nicht an der Menschheit zweifeln lassen müssen, aber doch die Frage aufwerfen, warum es beträchtlichen Teilen eines Kollektivs von sagen wir fünf bis sechs Milliarden Menschen zwingend ins Hirn regnen musste.

Die schlimmsten Auswüchse wie den formulierten Wunsch, Spieler einer afrikanischen Mannschaft mögen sich noch auf dem Platz durch eine Immunschwächekrankheit aus dem Leben begeben, mag man infantilem Stumpfsinn zuschreiben, der sich hoffentlich noch auswächst. Schon Don Corleone wusste, dass Frauen und Kinder unvorsichtig sein dürfen. Wer, wenn nicht junge Frauen oder Mädchen sollten dann ihre Schmerz- und Hemmungsfreiheit zur Schau stellen? Is ja gut.

Wenn aber nach eigenen Angaben an deutschen Hochschulen Eingeschriebene ihre von sämtlichen grammatikalischen Hindernissen freigestellte Freude darüber teilen, dass eine Gruppe gut gekleideter, pathologischer Hartweizenproduktverzehrer endlich nach Hause fliegt, saust meine Stirn gefährlich nah an die Tischkante. Das muss man nicht gleich Alltagsrassismus nennen, aber dumm ist es auf jeden Fall. Muss das sein?

Geradezu kriminell wird es, wenn - wieder: nach eigenen Angaben - Opfer des amerikanischen Bildungssystems unter ihrem Klarnamen und dem Hashtag Zuniga dem kolumbianischen Spieler mit dem Tod drohen, weil er Neymar aus dem Turnier gefoult hat. Früher hätte man ein Blatt Papier nehmen, seine Fingerabdrücke hinterlassen und das mutmaßlich recht teure Porto für einen Brief nach Kolumbien berappen müssen und das mitten in der Nacht. Heute reichen ein paar Fettspuren auf dem IPhone 56G whatever Display. Kostet nix, hat keine Konsequenzen, bringt sogar noch ein paar Richtung Zimmerdecke gereckte Daumen, Favs oder +1er. Brave new world! Aber nicht alles, was keine spürbaren Konsequenzen hat, ist erlaubt oder klug. Das scheinen nicht wenige über die anonymisierte Kommunikation moderner Prägung vergessen zu haben.

Man mag entgegenhalten, solche und andere Menschen möge man muten, blocken und ihr Forum so zumindest so weit verkleinern, wie das in der eigenen Hand liegt. Das hat nur was von dem Kind, das sich die Augen zuhält und meint, man könne es dann nicht mehr sehen. Die Kommunikationscaligulas sind ja nicht weg, nur weil man sie nicht mehr in die Timeline gespült bekommt.

Also Moraltube auf: es gibt Leute auf der Welt, die erschossen oder gefoltert werden, weil sie ihre Meinung oder einfach ihren Unfug verbreiten wollen. Manche davon in Ländern, die EU-Beitrittskandidaten sind (ist alles gar nicht so weit weg). Wenn für nichts anderes, um ihrer Willen sollte man die Möglichkeiten, die uns gegeben sind, uns selbst und unsere Gedanken zu verbreiten, mit ein bisschen Verantwortungsbewusstsein nutzen. Gerade wenn es um Fußball geht. Denn beim Fußball geht es nicht um Leben und Tod. Es ist viel wichtiger als das…

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