Schon GEZahlt?

Sich über die TV-Berichterstattung von der Fußball-WM zu erregen, ist hip, einfach und...vollkommen berechtigt. Das Massenphänomen TV-Bashing ist der Beweis dafür, dass eine Sichtweise nicht notwendig falsch ist, weil sie viele teilen. Was ARD und ZDF von Dachterassen, vom Schwimmbeckenrand und den 12 Kommentatorenplätzen an Bildern und Botschaften ins entfernte Deutschland senden, ist ein sieben Milliarden teures Fremdschamabo. Der bildgewordene Niedergang ist oft beschrieben worden. Aber der Frust muss raus. Schlaglichter der Realsatire, die sich WM-Berichterstattung nennt.


Wie cool ist eigentlich diese Katrin Müller-Hohenstein? Äh...gar nicht. Über die ARD-Talkinette Sabine Christiansen sagte einst ein kluger Mann, dessen Name mir entfallen ist wie Reinhold Beckmann der eines "honduranischen Abwehrspielers", sie teile mit 14-jährigen Mädchen das Bestreben, durch ihre Kleidung zehn Jahre älter auszusehen als sie ist. Und unterscheide sich von den Gören dadurch, dass sie es schafft. Bei KMH ist das umgekehrt. Aber lassen wir das. Frau Müller-H. steht denn also - den Kopf bedeutungsschwanger wiegend - vor dem extra errichteten "Koampo Baija" (das O wird nur angedeutet, hat der Bela erzählt) und betreibt, was andernorts euphemistisch "Ranschmeißjournalismus" genannt wurde.

An einem der ersten WM-Tage warf die knapp 49-jährige ihre Fähigkeiten als Synchronsprecherin für dialogfreie Filmszenen in die Wagschale und die rhetorische Frage nach dem Kühlheitsfaktor des Bundes-Jogi in den Raum, während Bilder von dessen frühmorgendlichem Menschentempogassi (auch Jogging genannt) eingespielt wurden, deren Urheberrecht offenkundig bei den Machern des letzten Nivea-Werbespots lag. Man stelle sich den Aufschrei vor, ein Politjournalist würde anhimmelnd beschreiben, mit welch formvollendeter Gelassenheit die Frau Bundeskanzler beim Langlauf in den Schnee sinkt.

Wer das für einen Tiefpunkt der ernsthaften Sportberichterstattung hält, der möge sich die ZDF Mediathek "downloaden" (O-Ton Réthy) und nachscrollen (O-Ton ICH), wie KMH gemeinsam mit Lukas Podolski die nackten Mauken in den von vermutlich gewerkschaftlich organisierten Arbeitern ausgehobenen Pool im deutschen Quartier hält und dabei investigative Fragen wie "Wie ist die Stimmung vor dem ersten Spiel?" stellt. Zum Abschluss gibt es partypatriotische Zehenspalter. "Größe 44. Und viel Erfolg gegen Portugal!" Würg.

Der ARD-Mann (#Aufschrei) bei der Nati ist Gerhard Delling. Wenn der kurz vor dem zweiten deutschen Spiel als Stichwortgeber mit Mikrofon fungiert (Kostprobe: "Oliver, die Stimmung ist schon doll, wie?"), fragt man sich, ob Günter Netzer sich die Haare geschnitten und pomadisiert hat, oder ob es sich tatsächlich um den Manager der DFB-Elf handelt, mit dem Delling sich unterhält. Da es wohl zu anstrengend ist, den Anschein von Distanz zu erwecken, betätigte sich Delling nach dem 2:2 gegen Ghana als Animateur. "Keine Untergangsstimmung, nirgendwo!", hatte er ausgemacht im "deutschen Lager" (auweia). Da bin ich ja beruhigt.

Party-Chauvinismus und Mini-Stroke
Nun mag man einwenden, die alberne Zeitüberbrückung zwischen den Spielen kann man sich schenken (über Scholl und Kahn breite ich mit Rücksicht auf frühere Verdienste den Mantel des Schweigens) und auf das Wesentliche konzentriert bleiben. In der Zeit zwischen den Partien kann man sinnvollere Dinge anstellen, zum Beispiel die Grashalme auf dem nächstgelegenen Fußballplatz zählen. Das Problem ist: stellt man den Fernseher pünktlich zum Anpfiff der Begegnungen an, bekommt man die Kommentatoren gratis obendrauf. Zwar bieten beide Gebührenanstalten gefühlt 76 Tonspuren an, nur leider ist auf jeder einzelnen die akustisch messbare Inkompetenz vertreten.

Den gewöhnlich annehmbaren Tom Bartels hatte in den Tagen vor dem Spiel Deutschland gegen Ghana offenkundig der schwarz-rot-geile Rudelguckvirus niedergestreckt. Anders ist nicht zu erklären, wie er bei den ghanaischen Abwehrspielern die "nackte Angst" erkannt haben will, wenn ein Stürmer der "übermächtigen" deutschen Mannschaft auf sie zuläuft. Ironiebefreite germanische Hybris in ihrer hässlichsten Form. Ich lasse Steffen Simon Steffen Simon sein. Fußballfans, die ihre Leidenschaft für einen bestimmten Verein auch bei ihrer beruflichen Tätigkeit nicht unterdrücken können, kann ich nicht ernst nehmen. Wenden wir uns also Bela Réthy zu (ja, das muss sein).

Der hatte kurz vor der WM noch schnell ein Buch veröffentlicht, in dem er sich über fehlende Ecken und Kanten der Generation Lahm echauffierte. Hui, hat jemand "Typen" gesagt? Kevin-Prince? Keeeeeeevin-Prince? Naja. Des Weiteren beklagt sich Réthy gern über die (a)sozialen Medien. Ist natürlich auch eine Unverfrorenheit der technischen Entwicklung, dass Réthy seine garantiert zeitverzögerten, meist falschen Wahrnehmungen des Spielgeschehens nicht mehr unbehelligt von gebührenzahlerbasisdemokratischer Kritik in den Äther blasen darf.

Schon im EM-Finale 1996 (damals, als Basler noch Weizen in der Kabine trank) bohrte im unbefangenen Zuhörer die Frage, ob Réthy während des goalden goal ein Miniaturschlaganfall befallen hatte oder ob der vor ihm aufgerichtete Monitor Bilder per SAT-Receiver erhält. Als Bierhoff bereits das Trikot Richtung Eckfahne gewedelt hatte, hatte jedenfalls auch Bela, der Große mitbekommen, dass ein Treffer zu bejubeln und die EM beendet sei. Die moderne Technik hilft Réthy bis heute, seine profunden Wertungen etwa 60 Sekunden nach dem Zeitpunkt abzugeben, in dem sich der Fernsehzuschauer bereits seine Meinung gebildet hat. Wenn überhaupt. Gerne betrachtet Réthy auch fünf bis sechs Zeitlupen einer strittigen Szene, um dann - ganz der aufgeklärte Schiedsrichterversteher - mitzuteilen, das sei nun "schwer zu sehen". Wenn das Spiel dann bereits weiterläuft, geht das naturgemäß oft alles etwas schnell für Réthy. Klares Indiz dafür ist ein aus der Schulradio-AG Klasse 7 entwendetes langgezogenes "uuuuuuuuuuuuuuuund da ist...[hier Spielername einsetzen]...Tor!" Dieses Sportreporter-Äquivalent für "huch, was ist denn los, ich war gerade dabei, mir die Zehennägel zu schneiden" hat Réthy im "Wolf-Dieter-Poschmann-für-Anfänger-Kurs" gelernt.

Poschmann, dessen lebenslange Tragik die unzureichende Anzahl von Leichtathletikevents ist, die es verbal zu bespaßen gilt ("21,34 Sekunden über 200 Meter. Nummer 7 in der asiatischen Jahresbestenliste 2006!"), ist nämlich genauso oft auf Ballhöhe wie es ein Schiedsrichterassistent mit Body Mass Index 98 wäre. Gut zu hören an Zungenstreckbankern wie dem zitierten "uuuuuuuuuuuuund" oder auch einem guttural ausgeworfenen "aaaahhhhhh". Langweilige Phasen wie Viererketten-Tiki-Taka überbrückt WDP (Copyright dieses Akronyms: ICH!) gerne mit gekonnten Namensverballhornungen. Kostprobe bei einem Spiel der Schweiz: "Er könnte Barnetta einwechseln. Aber der heißt mit Vornamen schon Ruhe (sic!). Hier muss aber jetzt Leben rein!" Was man für einen Tiefpunkt auf dem ARD-Satiregipfel halten könnte, meint der einstige Langstreckenläufer offenbar bierernst.

Als wäre das alles nicht genug, gibt es solche und ähnlich grenzdebile Wortspiele seit Beginn des dritten Gruppenspieltages auch noch im Parallelflug. Zuletzt bastelten ARD und ZDF die von der "tz" zurecht so genannten, schlechtesten Konferenzen aller Zeiten an den Schneidetischen zusammen. Das Umschalten von Spielort zu Spielort dauerte länger als die Analyse eines Fouls durch Bela Réthy und man verpasste gefühlt 106 % aller Tore im Livebild. Die Frage, warum die beiden deutschen Premiumsender nicht einen ihrer zahlreichen Digitalsender zum Angeot einer Konferenzoption nutzen, drängt sich ebenso auf wie diejenige, ob man in den Sportredaktionen des Ersten und Zweiten einen "Ablaufplan" für ein Fitnessprogramm hält. Zurück an die Copacabana...

Auf der Dachterasse gibt es neben einem Ex-Schiedsrichter aus der Schweiz, in dessen sterbliche Überreste der Geist von Franz-Josef Wagner gefahren zu sein scheint, Perlen wie die folgende zu entdecken: "Tiki-Taka ist reif für Taka-Tuka-Land!" (Opdenhövel). Tusch! Weil wir alle ganz schrecklich postmodern sind, weiß Oli (wir sind ja unter uns) Welke anschließend zu berichten, dass "dieser Hans Sarpei noch getwittert hat, Moment ich habe mir das hier aufgeschrieben...ach egal. Wir schalten zurück ins Maracana. Viel Spaß mit Bela Réthy, der für Sie kommentiert!" Realsatire. Wie cool ist das denn? Geht mir aus den Augen! Alle!

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