Kaltstart in die Hitze-WM

Wo ist meine Vorfreude hin? Sie war stets eine treue Begleiterin des Frühlings in Turnier-Jahren. Ein zusätzliches Sonderheft zu lesen gehörte zum Sommer wie das heute sozialmedial millionenfach zugänglich gemachte Gestöhne über die Hitze der ersten ernst zu nehmenden Sonnenstrahlen Anfang Juni. Nach dem Finale dahoam vor rund zwei Jahren erwischte ich mich dabei, dem Frust die Miete meiner Seele zu kündigen. Vorfreude auf die EM als Eigenbedarf. Weitgehend vorbei. Drei Gründe, warum die WM nicht mehr die Erleuchterin auch düsterer Sommer ist.


1. Der DFB und das Achselzucken
Man muss nicht gleich Parallelen zum türkischen Ministerpräsidenten ziehen. Aber "passiert halt" (Sami K.) ist ein ziemlich abstoßender Kommentar zu dem Unfall mit Rennautos, bei dem völlig Unbeteiligte zu relativ erheblichem Schaden gekommen sind. Das pseudojuristische Salbadern von allgemeinen Lebens- und Restrisiken hätte man von Ölgesellschaften und deren Anwälten nach der Explosion einer Bohrinsel erwartet, aber nicht vom DFB-Teammanager, wenn er das Schädelhirntrauma eines Passanten kommentiert. Man hätte in den Kommentaren bei ausreichender Begabung zum Zynismus noch eine Haftungsvermeidungsstrategie erkennen können. Nur wurde man das Gefühl nicht los, dass aus Herrn Bierhoff nicht die Angst vor einem Prozess gegen seinen Arbeitgeber sprach, sondern trotzige Verteidigung der Eventkultur, die sich der Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft bemächtigt hat. Die Forderung, man möge Standards trainieren statt PR-Marathon-Lauf auf die Agenda zu setzen, mag "Stammtisch" sein. Ganz falsch ist sie nicht. Dem Lagerkoller vorzubeugen ist keine schlechte Idee. Aber der Zweck heiligt die Mittel eben nicht.


Und dann sowas hier:
 

Ich verstehe das ja. Sponsoren müssen zu ihrem Recht kommen. Nationalmannschaften sind Imageträger. Die Partner wollen ein Stück vom Kuchen und den bekommen sie ja auch. Aber ist diese Art Dauerprostitution wirklich erforderlich? Zahlt Herzogenaurach weniger, wenn sie nicht drei Mal pro Tag gehashtagt werden? Der DFB ist adidas und adidas ist der DFB und ohne adidas ist der DFB nichts und nichts wurde außer durch adidas. Spätestens seit der Nikegate-Posse vor einigen Jahren weiß das jeder. Wer es nicht mitbekommen hat, ist vom Fußball so weit weg, dass auch solche Tweets ihn nicht erreichen werden. Hat man in Frankfurt wirklich Angst, dass jemand vergisst, dass Schlaaaaand ohne drei Streifen undenkbar ist wie ein Dolce-und-Gabbana-Shirt ohne Proletenaufdruck? Wäre es nicht so belastet, man wollte ausrufen "Wollt Ihr die totale Vermarktung?" Ich will sie nicht. Mich nervt es nur noch.

2. FIFA
Ich habe die Kritik an diesem gerontokleptokratischen Männerbund immer für hysterisch gehalten. Die Erde ist eine Kugel. Jürgen Klinsmann ist kein Trainer. Die FIFA ist korrupt. Warum soll ein kambodschanischer Funktionär "Love for the game" empfinden, das er stets nur als Sprungbrett für eine Funktionärskarriere begriff? Solange der Ball rollt...lass mich in Ruhe mit dem Zeug.

Ich erinnere mich noch an die wandgemäldegroßen datenschutzrechtlichen Weltuntergangsszenarien ob der Anforderung der Personalausweisnummer auf dem Ticketportal zur FIFA-WM 2006 (TM, höhö), auf dem ich mich guter Hoffnung und leichtsinnigen Glaubens um Tickets im Wert von gefühlt zehntausenden Euro bewarb, um ein bisschen Feenstaub des Sommermärchens abzubekommen. Bis heute hat mich - entgegen den Warnungen der Datenschützer - McDonald's nicht gefragt, ob ich Diabetiker bin und kein japanischer oder koreanischer Autohersteller vermüllt meinen Briefkasten mit Vehikelkaufangeboten.

Und doch: die WM im "eigenen" Land war ein Schlüsselerlebnis. Es klappte mit der Zuteilung. Togo gegen Schweiz in Dortmund (keine Pointe). Auf dem Weg zum Dortmunder "WM-Stadion" (Signal Iduna ist...naja Sie verstehen schon) lernte ich einen Ortsansässigen kennen. Er wies mich auf ein im näheren Umfeld des Stadions belegenes Gebäude mit großen Fenstern hin. Hinter den Fenstern warteten Limusinen mit dem Stern auf neue Eigentümer. Sie waren schlecht zu erkennen, weil die Fenster etwa zur Hälfte von einer blauen Plane aus zeltartigem Stoff verdeckt waren. Die Plane hing von dem flachen Dach des Gebäudes herab und sollte eigentlich den über dem Fenster befindlichen Hinweis darauf verdecken, dass der Inhaber des Gebäudes exklusiv Karossen Untertürkheimer Bauart feilbot. Die FIFA wolle keine Werbung für Konkurrenten ihrer Partner in einem mehrere Kilometer großen Radius um die WM-Stadien sehen, erläuterte mir der Einheimische. Der Händler habe sich darüber vor einigen Wochen in der lokalen Presse auslassen dürfen. Ich hatte die entsprechenden Berichte, die auch in den Kölner Raum vorgedrungen waren, nicht ernst genommen. Ich Doof...

"Kommerzialisierung" war schon vor 15 Jahren ein zur Floskel erstarrter Gewinner des fußballerischen Bullshit Bingo. Aber das hier war ohne Worte. Von der Gutsherrenart, mit der der Weltverband sich über sämtliche Steuergesetze hinwegsetzen zu dürfen verlangt, den Blatter'schen Wiederwahlplänen oder Herrn Beckenbauers Gespür für Sklaverei will ich gar nicht anfangen.

3. Retroactive
Ich. Kann. Es. Nicht. Mehr. Hören. Alle zwei Jahre fährt der Zeitschleifenzug von Neuem aus dem Bahnhof. Jedes Turnier ist von denselben enervierenden Debatten begleitet.

Spätestens ab Januar des Turnierjahres steht fest, dass auf Bauruinen gespielt wird. Die Stadien stehen nicht, die Infrastruktur ist eine einzige Katastrophe, die Hotelzimmer sind verschimmelte, unzumutbare Behausungen, in deren Nasszellen schwarzer, schlammiger, krebserregender Schlack aus den Hähnen tropft. Dass dieser Alarmismus biannual aufs Neue ad absurdum geführt und stets in den geplanten Arenen gespielt wird, stört nicht weiter. Auch in Brasilien steht wohl kein Stein auf dem anderen, wenn ich das richtig verstehe. Was? Ach, doch. Na dann mögen die Spiele beginnen.

Der DFB-Kader ist ein weiterer Quell stets wiederkehrender Freude. Spätestens seit der "Wade der Nation" hat man den Eindruck, der Dreifachweltmeister aus der Mitte Europas fährt alle zwei Jahre mit 23 Versehrten zum Turnier. Keiner ist fit, niemand hat Spielpraxis, überall nur Verbände, Krücken und medizinische Bulletins. Dass der Bundes-Jogi und seine Vorgänger aus dem Lazarett, das man früher Mannschaftshotel nannte, überhaupt elf spielfähige Sportskanonen für bis zu sieben Spiele binnen vier Wochen herauspicken, grenzt an ein Wunder.

Der nationale Stammtisch scheint im Übrigen über ein unaufgearbeitetes Erregungsüberpotential zu verfügen. Letzter Beweis ist die Debatte über den für Marco Reus Nachnominierten.


Ein Spieler, dessen Einsatzzeit zwischen einer Sekundenspanne, die selbst ein Luxuschronograph kaum messen kann, und 0 liegen dürfte, wird zum Gegenstand aufgeregter Fachdebatten. Volland! Nein, Gomez! Wir brauchen Manndecker! Nein, Stürmer! Wer war nochmal die Nummer 23 in Polen und der Ukraine? Eben. Und das ist erst zwei Jahre her.

PS
Der schwarz-rot-goldene-Taumel ist so lachhaft wie die Kritik daran. Wer im Tragen der Fahne der Bundesrepublik den neuen germanischen Furor erkennen will, der hält auch das Aufsetzen einer mit "Colonia" beschrifteten Narrenkappe für ein unerträgliches Zeichen des neuen Düsseldorf-feindlichen Chauvinismus. Die Spiegelkondome und die dreifarbigen Fanartikel aus der Hölle sind weder "aufgeschlossen" noch "entkrampft" noch "heiter". Sie sind ein Partyexzess wie Eimersaufen. Letzteres mag man als Symbol der beiläufigen Okkupation irgendwelcher Inseln interpretieren. Aber wer den Strohhalm in den Mund steckt, tut das nicht aus gleichsam preußischem Expansionsdrang. Verschont mich mit dem soziologischen Geschwurbel, eine 16-jährige Trägerin eines Bikini in Nationalfarben sei die Vorbotin der neuen deutschen Großmannssucht. Wenn das die ärgste Bedrohung ist, die von deutschem Boden ausgeht, kann die Welt in Ruhe Fußball gucken.


Ich werde sie gucken, die WM. Es gibt Übleres als vier Wochen drei Mal täglich Fußball. Ich werde für Costa Rica gegen Algerien oder was auch immer die halbe Nacht wach bleiben. Und wenn Italien Jogis Jungs das Herz bricht, werde ich kurz traurig sein. Ganz kurz. Für mehr reicht die Freude am glutenfreien Lederballmegaevent nicht.

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