Historico, die Dritte



Nenn es Clásico oder lass es. Schwarz-gelb und rot-weiß sind die Farben der Schale. Speifrei seit 8 drei. Wolfsburg, je zweimal Stuttgart und Kaiserslautern sowie drei Mal Bremen sind nicht die Triplesiegerbesieger der letzten 100 Bayern-Auswärtsspiele. Es sind die deutschen Meister jenseits des Millionendorfs und Lüdenscheid Nord. In den letzten dreißig Jahren! Dortmund gegen Bayern ist und bleibt der Opernball des deutschen Fußballs. Das Hochamt der Ersatzreligion Bundesliga. DER Saisonhöhepunkt der besten Liga der Welt ohne Torlinientechnik, der nicht in einer Turnhalle absolviert wird. Großes Kino mit szenischen Höhepunkte. Meistens jedenfalls.

Einst drohten ernsthafte Verletzungen, wenn BVB und FCB die Klingen kreuzten. Heuer war die größte Gefahr ein ausgerenkter Fan-Kiefer ob extensiven Gähnens. Der Siegesrausch des Titelverteidigers hatte Bayern gegen Dortmund zu einem Testkick im April verkommen lassen. "Totale Rotation" gegen "Extrem-Zahnfleischgang" statt "Mia san mia" gegen "Wir sind Fußball". Ein Spiel als Sparschäler der goldenen Ananas. Aber jetzt ist Pokal. Bleibt alles anders.

Es ist Zeit, sich der Schlachtengemälde in gelb und rot zu entsinnen, die als Blaupause hätten dienen können für die fiebrigen Keilereien zwischen Barca und Real in den Mourinho-Jahren. Hätten sich deren Spieler nicht immer schon gegenseitig mit Stollenabdrücken auf gegnerischen Körperteilen verewigt. Geschichten von frankohelvetischen Hinterhältigkeiten, Grundsteinlegungen für Rudelnasszellenallergien, Karateblutsaugern, die ihren als Tor getarnten Sarg verließen und tschechischen Modelegasthenikern, die die Trikotmode von Wembley's finest vorwegnahmen. Von Chappi und fehlendem Odol. Ein unchronologisches Panoptikum der Aufgeregtheiten ohne Anspruch auf Vollständigkeit, das am Samstag endlich erweitert werden sollte. 

Frau Jantje
Welcher Spieler wohl am 09.11.2002 bereits ein Bayern-Trikot trug und es heute immer noch tut? Pizze wurden auch vor 12 Jahren bereits in rot geliefert. Gerne auch mal aus dem Abseits. Meinte jedenfalls Jens Lehmann, als der Peruaner zum 2:1 gegen die Borussen an jenem deutschen Schicksalstag des dritten Jahres des neuen Millenniums netzte. Lehmann hält sich selbst für einen großen Rhetor und war zuversichtlich, Schiedsrichter Weiner von seiner Sicht der Dinge zu überzeugen. Schiedsrichter Weiner hält sich selbst für einen guten Schiedsrichter und zeigte Lehmann gelb. Weil Deutschlands Nummer 2 bereits eine hatte, ging er dahin, wo er ungern mit Hitzlsperger wäre. Weil BVB-Coach Sammer bereits dreimal gewechselt hatte, ging Jan Koller dahin, wo jeder 2,02 m große Fußballspieler hingehört. Ins Tor. In einem orangenen Leibchen mit der Aufschrift "Lehmann", das so eng saß wie Robbens rot-weiße Oberkörperkondome der Neuzeit, hielt er den Kasten 24 Minuten lang sauber und wurde "Spieler des Spiels" beim kicker (keine Pointe). 

Eskimos
Wenige Tage, nachdem sich der FC Sankt Pauli zum ersten Stadtteilclub aufschwang, der Weltpokalsiegerbesieger wurde, auf den Tag neun Monate vor Kollers Modefauxpas, mag Giovane Elber Herrn Lehmanns Homophobie begründet haben. Elber wollte den Ball aus dem Tor holen, um nach dem späten Ausgleich schnell wieder anzustoßen (hihi, verstehste?!). Während Manuel Neuer heutzutage den Ball greift, um das zu verhindern, griff Lehmann beherzt nach Elber. Ein kurzer Check und der Brasilianer lag. Stand aber schnell wieder auf und plusterte sich Nase an Nase vor und gegen Lehmann auf. "Jerome Boateng und Neven Subotic gefällt das". Spieler des Spiels? Schön, dass Ihr fragt. Christian Wörns (und wieder: keine Pointe). 

Ku-fu-Vampire
Auch Lehmann hätte wohl über Elbers Mundhygiene Auskunft geben können. Wie Heiko Herrlich knapp drei Jahre vorher. Oliver Kahn war on fire am 03.04.1999. Ein paar Südfrüchte vor dem Anpfiff, ein früher 2:0-Rückstand und ein (wie immer unberechtigter, türlich, türlich) Platzverweis für Sammy "Rot-weiße Trikots" waren die Ingredienzien, die den Vul-Kahn erschufen. Statt wie die Ein-Mann-PR-Agentur Alves eine Banane zu kauen, deutete er lieber einen Biss in die Halsschlagader von Heiko Herrlich an. Nicht ohne zuvor in vollem Lauf die Zehenspitze des ausgestreckten rechten Beines auf 1,75 m zu wuchten. Ungefähr die Höhe von Stéphane Chapuisats Kopf. Was aber reiner Zufall war (jetzt: Pointe). Heiko H. hatte seinen Pflock vergessen und antwortete auf die Frage, was er gedacht habe: "Vielleicht hat er sich heute morgen nicht die Zähne geputzt!" Gut, eher mediokre Pointe, aber haste Zähne am Hals, haste Zähne am Hals. Auch eher medioker? Gut, dann Spieler des Spiels: Mehmet Scholl. 

Chappi in den Napf
Jener Scholl, dem man nicht nur nachsagte, ein großer Kicker zu sein, sondern auch ein sonniges Gemüt zu haben. Man muss sich schon etwas einfallen lassen, um das einzutrüben. Die Verpflichtung von Otto R. als Trainer 1995 war eine diesbezüglich zielführende Idee. Am 30.03.1996 aber hatte Scholl gerade das Duell gegen den BVB trotz anderslautendem kaiserlichen Verdikt per Lupfer entschieden. Also trat nach dem Abpfiff jener Chapuisat auf den Plan, der später nur um fünf Meter (Schätzung Copyright of Oliver Kahn) der Titan'schen Kopfsense entgehen sollte. Wie das Tier, dessen liebstes Futter seinen (Spitz)-Namen trägt, hob er kurz das Bein, um es in Scholls Gesäß zu bohren. Der feine Rechtsfuß drehte sich instinktiv um 180 Grad und verpasste Chapuisat einen linken Schwinger, der Franck Ribéry Ehre gemacht hätte. Der anschließende Austausch von Verbalinjurien mit seinem damals noch in Dortmunder Diensten stehenden, späteren Trainer Hitzfeld zeigt: es gibt noch Hoffnung für Jürgen Klopp und Rafinha. Der berühmte Kicker schrieb übrigens: "Die Tätlichkeit von Scholl übersah Dr. Merk." (!) Und nochmal: keine Pointe. 

Sieben Jahre, sieben Tore: Gegenwart
Befreit von gegnerischen Füßen, Knien, Nasen und Kung-Fu-Sprüngen lustwandelte unser Experte für Dispozinsen 2012 über den Rasen des Olympiastadions Berlin. In den Spuren von Beckenbauers Nachtspaziergang im gleichnamigen Oval von Rom sinnierte er über die sieben Jahre von jenem erbärmlichen 0:5 des BVB im Frühjahr 2005 im alten gleichnamigen Gezelt in München einen Tag, nachdem der BVB der Insolvenz von der Schippe gesprungen war, bis zum 5:2 im gerade zu Ende gegangenen Pokalfinale. Ein Kreis habe sich geschlossen, sagte Watzke. Und den sollte man auch nicht wieder aufbrechen. Meine ich.

Also gebt‘s Euch aus der Abendkasse. Respekt ist was für Mädchen. Guckt ja auch kaum einer auf der Welt zu (auch wenn die Klopp'sche Algebra CL-Finale=Pokalfinale auswirft). Außer den paar Deutschen, die nicht mit Fähnchen befestigen beschäftigt sind oder das sechste Kilo Fleisch des Abends auf den Grill hauen. Pinselt mal wieder ein Schlachtengemälde statt den Wattepustereien der letzten Saison. Gebt mir etwas für den vierten Teil. Etwas, womit ich arbeiten kann. Ein Finale furioso einer laaaaaangweiligen Saison. Einen Historico. Möge der Bessere gewinnen.

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