In einem Land in unserer Zeit…



Janukowitsch ist ganz bestimmt kein Demokrat. Weder lupenrein noch schmutzfilmdreckig. Das gewaltsame Vorgehen am Maidan spottet jeder Beschreibung. Was auch immer man über die Situation in der Ukraine denkt, mit diesem Vorgehen hat sich das Regime ins Unrecht gesetzt. Aber die politische Lage des Landes an der östlichen Peripherie Europas insgesamt wird seit Jahren ziemlich einseitig dargestellt. Ein tendenziöser Blick auf UNSER Land.


Prolog
Sie demonstrierten wieder in Kiew. Seit Wochen und Monaten. Die deutschen Medien hautnah dabei. Ganz dicht dran. So bewundernswert die Beharrlichkeit der vielen tausend Menschen auf dem Maidan ist: spektakulär sind Bilder von vor Kälte bibbernder Menschen, die auf einem Platz tausende Kilometer östlich von Berlin ausharren, nicht. Was hermuss, ist ein anrührendes Narrativ. Und die deutschen Medien liefern. Es ist der ewige, alte Kampf des Guten gegen das entsetzlich Böse. Demokraten gegen Autokraten. In die EU strebender Westen des Landes gegen russophilen, putinhörigen Osten.

Das Gesicht der Revolution: Vitali Klitschko. Besser geht es nicht. Ein europa- ja weltweit populärer Sportler. Boxer zwar, aber mit universitärem Diplom und Schwiegermutters-Liebling-Attitüde. Bestückt mit der moralischen Überlegenheit eines Mannes, der finanziell ausgesorgt hat, und deshalb an persönlicher Bereicherung gar nicht interessiert sein kann, richtig? Druckt man das für eine zwanzigjährige Karriere im Ringgeviert in der Tat erstaunlich undeformierte Gesicht dann noch auf eine Hälfte einer Tageszeitungs-Doppelseite und spiegelt es mit der maskenhaften Fratze alt-kommunistischen Gereontokratenadels des derzeitigen Präsidenten, ist „dem Westen“ alles klar. Es ist Zeit für den Wandel an der Südwestgrenze Russlands.

Von ähnlicher Schwarz-Weißmalerei sind auch die Darstellungen der Konflikte jüngeren Datums in Thailand (rotgewandete Demokraten gegen gelb gekleidete Putschisten), Ägypten (Menschenrechtsaktivisten gegen Mubarak-hörige Kameltreiber und Militärs) und Libyen (und wieder Demokraten gegen einen irrsinnigen Despoten) gewesen. Von Syrien will ich an dieser Stelle gar nicht anfangen. Wir sind heute klüger. Oder auch nicht.

Der Pariser Platz / Ein Blick von außen auf Deutschland
Die Ukraine ist ein Land von etwa doppelt so großer Fläche wie die Bundesrepublik Deutschland. Sie zählt ca. 45 Millionen Einwohner. Es mag ja „die politische Stimmung“ in diesem Land geben. Aber dass sie repräsentativ auf einem Platz in der Hauptstadt abgebildet wird, scheint mir wenig plausibel. Ägypten ist nicht Tahir, Libyen ist nicht Bengasi. Der Maidan ist nicht die Ukraine. Der Eindruck einer kohärenten, ja einstimmigen politischen Protestbewegung gegen einen despotischen Präsidenten, der medial erzeugt wird, ist tendenziös und nachgerade surreal.

Zur Illustration ein kurzer Ausflug in eine Parallelwelt: nehmen wir an, es gäbe in geographischer Nähe der Ukraine oder Thailands oder Ägyptens ein musterdemokratisches Land mit freier Presse. Und nehmen wir an, die von Frau Bundeskanzlerin angeführte CDU/CSU hätte in Deutschland im September 2013 mit ca. 41 % der Wählerstimmen dank der Streichergebnisse der FDP und der AfD knapp die absolute Mehrheit der Sitze im Bundestag erobert. Nunmehr versammeln sich im Januar 2014 – sagen wir 50.000 – Demonstranten vor dem Brandenburger Tor. Sie harren aus. Wochenlang. AfD-Parteigänger, schwarzer Block, SPD-Mitglieder, Grüne, Funktionäre der Partei „Die Linke“ sind darunter. Eine gemeinsame Agenda haben sie nicht. Außer: „Merkel muss weg“.

Man wird der deutschen Hauptstadt nicht zu nahe treten, wenn man ihre Bevölkerung als politisch mehrheitlich links bezeichnet. Weil das auch Merkel, Seehofer und Co. wissen, organisieren CDU und CSU Kaffeefahrten aus ihren Hochburgen in Oberbayern, Schwaben und Südhessen, um eine Gegendemonstration in Berlin zu organisieren und bekommen klägliche 15.000 Unterstützer zusammen. Von der Polizei geschützt skandieren sie: „Mutti ist die Beste!“

Nun treten die Fernsehsender aus unserem fiktiven Schlaraffenland auf den Plan. Sie bauen ihre Kameras am Pariser Platz auf. Mit der bedeutungsschweren Mimik eines „besorgten“ Brüsseler Sesselpupers erklären die davor postierten Korrespondenten dem verdutzten Publikum in ihrer tausende Kilometer entfernten Heimat, die 50.000 Demonstranten in Berlin stünden stellvertretend für die überwältigende Mehrheit in der Borderline-Diktatur, die die undemokratisch regierende Despotin (wir erinnern uns 41,5 % = absolute Mehrheit) aus der menschenrechts- und national befreiten Uckermark loswerden wollten.

Die Medien seien vollkommen gleichgeschaltet, was man schon daran erkennen könne, dass im obersten Aufsichtsgremium des größten landesweiten Senders mit dem merkwürdigen Kürzel ZDF mehrheitlich Parteigänger der Kanzlerin säßen. Unterstützt von der größten Oligarchin des Landes, einer Frau namens…lassen Sie mich kurz auf meinen Zettel gucken…Friede Springer, die sich über einen ziemlich durchsichtigen Heiratsschwindel in den Besitz der größten Zeitung des Landes und dieser angeschlossenen willfährigen Medien gebracht hat, sowie der geballten Macht des Bankensektors werden über das ZDF und die von Merkels Parteifreund in der Region Hessen zwangsverstaatlichten Zeitung namens „Frankfurter Rundschau“ Desinformationskampagnen lanciert, die aus wenigen roten Fahnen am Brandenburger Tor eine kommunistische Verschwörung ableiten wollen. Verzweifelt versuchten die eiserne Lady und ihre Hofschranzen durch bezahlte, aus den Südprovinzen herangekarrte und bezahlte Demonstranten den Eindruck von Rückhalt in der Bevölkerung zu erwecken. Aber wir sind doch alle klüger, oder? Oder?

Fährt der Korrespondent fort: „Zum Beweis spielen wir einen kurzen Film ein, den wir wegen der erschwerten Arbeitsbedingungen selbst live kommentieren müssen. Wir sehen hier Henry Maske, einen ehemaligen Boxer, den Führer der oppositionellen Bewegung, wie er sich an einem konspirativ geheim gehaltenen Ort mit Vertretern seines parteiübergreifenden Aktionsbündnisses trifft. Rechts im Bild sehen Sie Sarah Wagenknecht, eine Ikone der Freiheitsbewegung gegen Merkel, mit ihrer mittlerweile schon legendären Hochsteckfrisur, die zum Symbol für den Kampf gegen die einschläfernde, bleierne Herrschaft der Kanzlerin geworden ist. Links im Bild befindet sich Sebastian Edathy, ein wortgewaltiger Volkstribun aus der SPD, der erst kürzlich durch eine widerwärtige Intrige des damaligen Innenministers Friedrich (natürlich auch Parteigänger der Kanzlerin), aus dem Parlament entfernt wurde! Man munkelt, er habe zuviel über die mafiotische Verbindung von Geheimdiensten mit rechtsradikalen Banden in Erfahrung gebracht. Gegen ihn läuft derzeit ein schauprozessuales Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Hannover, die unter Menschenrechtsexperten als die tendenziöseste diesseits von Mannheim gilt.“

Moderatorin des ukrainischen Fernsehens: „Wie geht es jetzt weiter?“

Korrespondent: „Das weiß zur Stunde niemand, Jekatarina. Die Verfassung des Landes, das Grundgesetz, erlaubt die Feststellung des sogenannten Verteidigungsfalls durch beide Kammern des Parlamentes. Aber insbesondere der Bundestag muss als Marionette angesehen werden, der nur dank Manipulationen am Wahlgesetz mehrheitlich von der 41-%-Partei CDU/CSU beherrscht wird. Mit der Feststellung eines Angriffes ginge dann die Befehlsgewalt auf die eiserne Kanzlerin über, was die Wahrscheinlichkeit einer gewaltsamen Auflösung der Massenerhebung erhöhen würde. Aber selbst wenn dies nicht geschieht, befindet sich die Armee in den Händen einer Frau namens Ursula von der Leyen. Diese gilt Beobachtern als selbst für CDU-Verhältnisse geradezu fanatisch loyale Gefolgsfrau Merkels. Die kommende Nacht könnte blutig enden, Jekatarina.“

Epilog
Auf welcher Seite man politisch auch stehen mag: wohl niemand in Deutschland würde das als ausgewogene Berichterstattung über die politische Situation des Landes empfinden. Dass die Demonstranten an einer solchen Darstellung der Ereignisse gleichwohl ein Interesse hätten, ist ebenso klar. Davon wird sie aber nicht richtiger.

Um das klarzustellen: Merkel ist nicht Janukowitsch, Wagenknecht ist keine Gasprinzessin und von der Leyen kein Kommisskopf mit Haarhelm.

Und nur um Missverständnisse endgültig zu vermeiden: fragwürdige Berichterstattung in Deutschland ist kein Grund, größtenteils unbewaffnete Menschen zu ermorden, weil sie demonstrieren. Meine Kritik setzt früher an. Die Einseitigkeit der Darstellung komplizierter politischer Konflikte in den deutschen Massenmedien ist nervtötend und lässt die Frage aufkommen, was – außer der Auflagensteigerung durch Sensationsmache – eigentlich der Zweck solch tendenziöser Berichterstattung ist.

Die Frage, wie einige zehntausend Leute, die bestenfalls 25 % der Wähler repräsentieren, eigentlich dazu kommen, ultimativ den Rücktritt des gewählten Präsidenten eines Landes zu fordern, wird gar nicht mehr aufgeworfen. Als Grund wurden ja konsequenter Weise auch anders als 2005 gar nicht mehr Wahlfälschungen genannt, sondern nur dass den Demonstranten die russlandfreundliche Politik ihrer Regierung nicht gefalle. (Na ja und die allgegenwärtige Korruption. Aber die haben Janukowitsch und seine Anhänger nun weiß Gott nicht exklusiv). Das ist ein guter Grund zu Demonstrationen, legitimiert aber nicht, unter Besetzung eines öffentlichen Platzes ein nicht genehmes Wahlergebnis rückgängig machen zu wollen.

Oder: was genau außer einer gewissen, selbstangemaßten Schutzpatronfunktion über einige zehntausend Demonstranten legitimiert den Ex-Boxer Klitschko, Vertreter einer 13-%-Partei, eigentlich auf der Sicherheitskonferenz in München als gefühlter Vertreter der Ukraine aufzutreten?

Die Rollen sind verteilt. Gut und Böse klar unterscheidbar. Was nicht passt, wird passend gemacht. Mitleid mit Janukowitsch wäre völlig fehl am Platze. Er und seine Junta haben in den letzten Tagen bewiesen, dass sie es kaum besser verdient haben. Aber um unserer selbst und um der Güte journalistischer Arbeit willen sollte man sich in unseren Qualitäts- wie Boulevardredaktionsstuben die Frage stellen und gefallen lassen, ob diese Art von unausgewogener Meinungsmache einer Demokratie wie der unseren wirklich auf Dauer zumutbar ist geschweige denn gut zu Gesicht steht. Und warum sich Bild, BamS und Glotze, aber auch SZ, FAZ und ZEIT zum Büttel von geopolitischem Kräftemessen mit Russland (um nichts anderes geht es in der Ukraine in Wahrheit) machen lassen.

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