Der Größte



Hommage – ein Trainer und ein Gentleman: 15 Jahre Ottmar Hitzfeld bei Bayern München


Juli 1998. Osama Bin Ladin ist nur ein spinnerter Exilant in Khartoum. Die Regierung Kohl steht wenige Wochen vor der Abwahl. Der Bundestag sitzt in Bonn. Kenneth Starr untersucht Spermaflecken auf Kleidern von Praktikantinnen. Michael Jordan beendet seine Karriere mit dem sechsten NBA-Titel. Kaiserslautern ist der Nabel der deutschen Fußballwelt. Der FC Bayern wechselt den Trainer. Wieder einmal. Es ist die achte Rochade auf dem Stuhl des sportlichen Übungsleiters in weniger als sieben Jahren. Der neue Mann kommt aus Dortmund. Er wird Geschichte schreiben wie niemand vor ihm. Sein Name ist Ottmar Hitzfeld.





Emotionen vor aller Augen
Mai 2008. Eine Dekade später. Hitzfeld weint. Der Mann, der das Wort „Haltung“ neu definierte, verliert die Fassung. Stephan Lehmann spricht wohl im Namen von damals gut 150.000 Mitgliedern. Von 69.000 Zuschauern vor Ort in der Allianz Arena. Von Uli Hoeneß. Und ja, auch von Karl-Heinz Rummenigge. Als er seine kurze Vorstellung des scheidenden Trainers mit den Worten abschließt: „Wir sagen ‚Danke für alles‘, Ottmar Hitzfeld.“ Des Coaches Unterlippe bebt schon, bevor Lehmann geendet hat. Ein paar Tränen hatte er da schon aus dem Knopfloch gefischt. Bevor er den kurzen Weg auf den Rasen antritt. Als sich 138.000 Hände zum stehenden Applaus regen, brechen die Dämme. Den obligatorischen Abschieds-Blumenstrauß hält er vor das Gesicht. Es nutzt nichts. Alles muss raus. Hitzfeld weint. Hoeneß schluchzt. In Köln, sagen manche, kämen die Fans vor allem wegen der halben Stunde vor dem Spiel. Nie traf das mehr zu als an jenem Tag. Aber in München.


Es gehört zu den Mysterien des Fußballs, eigentlich der ganzen Welt, dass große Männer über kleine Anlässe stolpern. Selten gehen die großen Epochenmacher in einem angemessenen Großfeuersturm unter wie Napoleon. Der Anfang vom Ende der Ära H. ist ein trister Novemberabend 2007. Hitzfeld scheitert nicht auf den ruhmreichen Feldern der Fußballgeschichte. Er wird nicht von Manchester United oder Real Madrid in die Vereinstrainerrente verabschiedet. Ein überflüssiges, aber unbedeutendes 2:2 gegen die Bolton Wanderers in der UEFA-Cup-Vorrunde 2007 markiert den Beginn. Stinksauer, sei er, lässt Karl-Heinz Rummenigge hernach wissen. Und: „Fußball ist keine Mathematik!“ Damit zählt er öffentlich den bis 2013 erfolgreichsten Trainer der Vereinsgeschichte an. Der ist studierter Sport- und Mathematiklehrer. Der künftige Vorstandschef greint, weil der Trainer mit drei Wechseln seiner Meinung nach zu früh in den Sparmodus geschaltet und die Mannschaft danach eine Führung noch aus der Hand gegeben hatte. Gentlemanlike wie immer erduldet es der Meister. Ob Hitzfeld überhaupt über 2008 hinaus hätte weitermachen wollen, ist unklar. Von diesem Moment an aber ist ein selbstbestimmter Weggang kaum mehr möglich. Anfang Januar 2008 bestätigt er seinen Abschied zum Saisonende. Wenige Tage später steht sein Nachfolger fest. Ein vermeintlicher Heilsbringer. Er wird kaum zehn Monate durchhalten…

„Ich verstehe die ganze Polemik nicht.“
Seine Karriere als Spieler ist verglichen mit den Größen im Bayern-Vorstand nicht der Rede wert. Als Übungsleiter hinterlässt er tiefere Spuren als die meisten seiner Berufskollegen. Neben der nie bestrittenen sportlichen Kompetenz wird ihm vor allem die Fähigkeit zugeschrieben, schwierige, stargespickte Ensembles geräuschlos zu moderieren. Die heute in aller Munde geführte Rotation moderner Prägung ist eine Erfindung von Hitzfeld. Neben der Kraftersparnis, die mit der regelmäßigen Schonung von Stammkräften verbunden ist, ist es seine Art, jedem Mitglied auch hochkarätig besetzter Kader die eigene Bedeutung für das große Ganze zu illustrieren. Intern ist er kommunikativ, kann aber auch gnadenlos sein. Gerade in der Schlussphase in Dortmund soll manche Wand gewackelt haben, wenn er sich wieder einmal mit Matthias Sammer in dessen damals noch vorhandene Haare bekam.

Nach außen aber macht Ottmar Hitzfeld die Selbstbeherrschung zu seinem Wesenszug. Stets bewahrt er Haltung. Höflich, beherrscht und doch manchmal hintersinnig beantwortet er jede noch so dämliche Frage. Emotionale Ausbrüche sind dem ehemaligen Profi fremd. Er wirkt nie maskenhaft dabei. Eher wie ein sympathischer Pokerspieler. Der blufft und dabei so liebenswert ist, dass der Nebenmann trotz weggeworfenem full house ihn noch für seinen Rundengewinn feiert. Seine oft diplomatische Ausdrucksweise kommt nie gestelzt herüber.

Versuchte ihn also im Oktober 2000 ein ganz gewitzter Journalist aus der Reserve zu locken. Wann er denn nun sein Amt als Bundestrainer antrete, fragte der Mann. Zu jener Zeit war bereits entschieden, dass Christoph Daum die Nachfolge von Übergangstrainer Völler antreten sollte. Aber die Kokain-Affäre war auf dem Höhepunkt. Man stelle sich die erratische Reaktion von Jürgen Klopp oder Louis Van Gaal auf so einen Angang vor. Hitzfeld aber ist gewappnet. Abgesehen von der Provokation ist inhaltlich die Falle gelegt. Es wäre einfach und verständlich, sich jetzt um Kopf und Kragen zu reden. Eine Solidaritätsadresse für den bedrängten Trainerkollegen würde als Distanzierung von seinem Vorgesetzten interpretiert. Uli Hoeneß beizuspringen, der vermeintlich Daum als Bundestrainer verhindern will, hieße, den DFB in den Senkel und sich selbst gegen die geballte öffentliche Meinung zu stellen.

Der große Kommunikator neigt nur kurz den Kopf, gibt seinem Missmut über die Unsachlichkeit der ganzen Debatte Ausdruck und mahnt, getroffene Verabredungen einzuhalten. So sind alle Klippen umschifft. Ein kurzes Statement, das Anstand und Aufrichtigkeit verkörpert. Mitten in einer Diskussion, in der alle Seiten längst jedes Maß verloren zu haben scheinen, wird der eigentlich unbeteiligte Fußballlehrer zu einer der wenigen Stimmen der Vernunft. Durch solche und ähnliche Statements wird Hitzfeld zum perfekten Repräsentanten des Vereins. Weltläufigkeit inmitten von provinzieller Selbstherrlichkeit. Beispielhaft.

Rennie räumt den Magen auf
Mit dieser Souveränität wirkt er auch vor Facebook und Co. bisweilen wie aus der Zeit gefallen. Und es gibt Momente, da wünscht man Ottmar Hitzfeld die Emotionalität, auf die so viele im Fußballgeschäft nach ihren Ausrastern immer verweisen. Da scheint er den Stress in sich hineinzufressen. Sich vom Druck geradezu verzehren zu lassen. Bis es physische Auswirkungen hat. Man meint, ihm beim körperlichen Verfall zugucken zu können. Lange bevor jemand wusste, wie man Burnout buchstabiert. Das Gesicht wird fahl. Die Züge fallen ein. So sehr, dass ihm Late-Night-Schandmäuler Markennamen von Magenmedikamenten als Zweitnamen verpassen.

Schon nach dem Triumph von Mailand 2001 hatte die Meute Witterung aufgenommen. Frei nach dem Motto: vom Gipfel aus geht es nur noch abwärts. Udo Lattek riet öffentlich zum Rückzug. Die Trainerlegende weiß aus eigener Erfahrung, wie Titel nur die Gier nach immer mehr Erfolg nähren. Ein halbes Jahr nach dem dritten Triumph in der Meisterschaft und dem Europacupsieg von 1974 war Lattek am Ende gewesen. Die Geschichte vom legendären Präsidenten Neudecker, der die Forderung des Erfolgstrainers, es müsse sich etwas ändern, mit der Antwort parierte: „Es ändert sich auch was. Sie sind entlassen.“ erzählte Lattek so häufig, dass sie es später auf die Wikipedia-Seite über den deutschen Rekordmeister schaffen sollte. Das Gejohle am Münchener Flughafen hob trotzdem jeden Sonntag an.

Für den Disziplinmenschen Hitzfeld ist das gar kein Thema. Überlegungen wie denen von Lattek hält er freundlich, aber bestimmt schlicht seinen gültigen Vertrag entgegen. Pacta sunt servanda. Ein Lörracher als nahezu preußischer Pflichterfüller. Aber die Niedergangsprediger scheinen Recht zu behalten. Auch wenn die Bayern in der Saison 2001/2002 rechnerisch bis zum letzten Spieltag Meister werden können. Die Saison verläuft relativ enttäuschend. Ein Jahr nach dem Doppeltriumph von Hamburg und Mailand stehen die phasenweise satt und uninspiriert wirkenden Bayern ohne Silber da. Und müssen sogar in die Champions-League-Qualifikation. Eine sportliche Demütigung.

Hitzfeld persönlich wird das zugeschrieben. Anders als weiland in Dortmund habe er nicht einmal versucht, die Mannschaft zu erneuern. Neue Anreize zu setzen. Viel zu lange habe er an Effenberg festgehalten. Dem Spiritus rector des CL-Sieges, der doch deutlich über dem Zenit zu sein scheint. Der Deutsch-Schweizer trägt es wie immer: mit Fassung. Und plant den nächsten Gipfelanstieg.

Im Sommer 2002 wird die Mannschaft runderneuert. Als der Erfolgstrainer von einst mit dem um Ballack, Zé Roberto und Deisler luxussanierten Kader in der Champions-League-Vorrunde zu scheitern droht, trösten noch die unter der Inflationsrate liegenden Quoten für einen UEFA-Cup-Sieg. Als auch der durch den letzten Vorrundenplatz vorzeitig verpasst ist, scheint die Ein-Mann-Festung auf der Trainerbank sturmreif geschossen. Die sportlich katastrophale Saisonanfangsphase wird durch eine 0:2-Pleite in Bremen gekrönt. Hitzfelds Führungsspieler Kahn tangiert die Schuldfrage nach den Gegentreffern nur peripher.


Der Riese wankt. Der General nicht. Doch das Interesse richtet sich sehr schnell unweigerlich auf den Übungsleiter. Ein nahezu lachhaft großes Journalistenrudel verfolgt in den kommenden Tagen bis zum Zweitrundenspiel im Pokal jede Bewegung von Hitzfeld. Als sterbe ein König. Oder ein Papst. Das schlussendlich maue 2:1 gegen den damaligen Aufsteiger Hannover interessiert nur am Rande. Fassungslos sind nur die Journalisten. Über die Grandezza, mit der Hitzfeld das Orwell’sche Beobachtungsszenario abperlen lässt. Ein Sieg gegen den amtierenden, wenngleich zum Schluss dezimierten Meister aus Dortmund leitet die Wende und die Renaissance der bayerischen Herrlichkeit ein. Am Ende steht das ungefährdete Double 2003. Das zweite in Hitzfelds Amtszeit.

Doch selbst zwei Titel sind nur ein Pyrrhus-Sieg. Am Ende erwischt es jeden. Selbst Ottmar, den Großen. Ein Jahr später ist seine bayerische Dynastie am Ende. Gegen Werder Bremen setzt es am 32. Bundesligaspieltag 2004 ein bodenloses 1:3. Bremen feiert in München den Titel. Spielt den schönsten Fußball. Stellt den Torschützenkönig. Und die sympathischere Mannschaft. Gegen den wunderbar uneitel daherkommenden Thomas Schaaf wirkt der plötzlich steif erscheinende Ex-Meistertrainer wie ein Fossil. Ein Fossil, das aussieht wie seine eigene Leiche. Abgemagert, ausgemergelt. Von Hero to zero. Weniger als drei Jahre sind vergangen seit Mailand. In sechs Jahren hat er vier Meisterschaften, zwei Pokale, den Champions League Titel und den Weltpokal geholt. Und doch: im Mai 2004 geht ein geschlagener Mann. Im Zuge einer „stillosen Farce“, wie die SZ zürnt. Während öffentlich ewige Treue geschworen wird, bewegt Rummenigge hinter den Kulissen Felix Magath, von dessen avisierter Vertragsverlängerung in Stuttgart Abstand zu nehmen. „Wir hatten ihm schon signalisiert, dass wir mit ihm etwas vorhaben“, griemelt der Vorstandschef Monate später. Es ist eine selbst für Bayern-Verhältnisse ziemlich abstoßende Demontage. Doch von Hitzfeld öffentlich kein schlechtes Wort. „Der Verein plant anders. Das muss ich akzeptieren.“ Weg ist er.

Ein neuer Anfang / Rekordsaison gone „bloody hell“
Als der neue Chef seinen Dienst in München 1998 antrat, gilt er keineswegs als Heilsbringer. Er kommt ausgerechnet vom Rivalen Dortmund. Wo er trotz aller Erfolge angeblich im Grunde gescheitert und dann an den Schreibtisch weggelobt worden war. Er war ein Jahr aus dem Geschäft gewesen. Ein Zaungast des Fußballs. Neben Manager Meier, Präsident Niebaum und Trainer Scala hatte er beim BVB wie ein Minister ohne Geschäftsbereich gewirkt. Sein Königstransfer? Ausgerechnet Stefan Effenberg. Jener Effenberg, der von 1990 bis 1992 in München nicht nur den Eindruck schlichtweg nicht vorhandener Professionalität, sondern auch einer – nun ja – eingeschränkten Zurechnungsfähigkeit hinterlassen hatte. (http://www.n-tv.de/archiv/Drogentests-und-Todsuenden-article109054.html )

In den folgenden Jahren war er stets auch abseits des Platzes recht beschäftigt gewesen. Mal soll er Obdachlose in seiner Einfahrt, mal Gäste einer von ihm aufgesuchten Diskothek körperlich traktiert haben. Mal zeigte er Fans der deutschen Nationalmannschaft den Finger. In München war man deshalb nicht gerade angetan. Hitzfeld sollte neben Erfolg vor allem eins in den Verein zurückbringen: Ruhe. Er möge endlich wieder den weltmännischen, aber bodenständigen Charme verkörpern, den sich der familiäre Weltkonzern selbst gerne zuschreibt, war die Hoffnung der Allgewaltigen.

In den Jahren zuvor sind die Bayern phasenweise trotz manchen Erfolges eine Lachnummer. Lerby, Ribbeck, Rehhagel und zwischendurch immer wieder Beckenbauer geben sich die Klinke in die Hand. Selbst der Inbegriff des kompetenten, autoritären, aber auch sympathischen Trainers, der große Mister aus Italien hatte im immerwährenden Intrigantenstadl in der bayerischen Landeshauptstadt erst die Orientierung und dann die Nerven verloren. Der Boulevard delektiert sich an Matthäus‘ Frauengeschichten, seiner Absetzung als Kapitän, dem Dauerzwist mit Klinsmann, Baslers Eskapaden, Scholls Unflätigkeiten gegen den selbsternannten König und Fehleinkäufen wie Mazinho, Bernardo oder Papin. Das Resultat ist erschütternd. Zwischen 1980 und 1990 gewinnen die Bayern sieben der damals insgesamt 14 Meisterschaften. In den acht folgenden Jahren sind es noch zwei.

Hitzfeld setzt sich durch. Nicht mit Sprüchen wie „Tiger oder nichts“. Mit stiller Pendeldiplomatie im Zuge der eigenen Vertragsgespräche. Effenberg kommt. Und wird das Zentralgestirn des Starensembles. Mit ihm an der Spitze pflügen die Bayern durch die Liga. Fast alle Rekorde, die Heynckes und seine Mannen im letzten Jahr brachen, stammen aus Hitzfelds erster Saison. 15 Punkte Vorsprung auf Leverkusen. 78 insgesamt. Mia san wieder wer. Der Fußball ist von Beginn an eher zweckmäßig, strahlt aber immer die Hitzfeld’sche Noblesse aus. Selbstvertrauen kurz vor der Schwelle zur Arroganz. Aber vor allem Teamgeist. Die Mannschaft wird unter Hitzfeld endlich wieder zu einer Einheit statt einer elfköpfigen Ich-AG-Sammlung.

Getragen von jenem Geist und angeführt von Effenberg überstehen die Bayern zudem die Todesgruppe in der CL-Vorrunde und überspringen alle weiteren Hürden. Im Viertelfinalrückspiel wird Kaiserslautern auf dem einst uneinnehmbaren Betzenberg 4:0 vorgeführt. Was Mario Basler zur Ballettfigur „Pirouette mit Ball inspiriert“. Hitzfeld bescheidet die ungebührliche Aktion mit der ihm eigenen Art: „Das gehört sich einfach nicht. Man muss den Gegner immer respektieren.“ Als alles auf das erste Triple der Vereinsgeschichte hinauszulaufen scheint, unterziehen Solskjaer und Sheringham die Bayern dem größten anzunehmenden Stresstest. Weil der gegnerische Trainer Ferguson ihn in den Arm nimmt, gewinnt Hitzfeld an diesem traumatischen Abend doch noch etwas. Einen Freund fürs Leben. Hitzfeld bewahrte am Ende auch hier – man ahnt es – die Fassung.

Andere tun das nicht. Obwohl sie gewinnen. Gegen Bayern mit Hitzfeld.

Aus Held Hitzfeld wird der Sisiphos von der Säbener Straße. Das erfolgreichste Bayern-Jahr des letzten Vierteljahrhunderts wird mit dem verlorenen Pokalfinale gegen Bremen ein mentales Trümmerfeld. Obwohl er den Bayern neben dem Meistertitel den Stolz, ja die Würde zurückgegeben hat, ist nach einem Jahr psychologische Aufbauarbeit angesagt.

Der Aufstieg in den Olymp
Daran wären viele gescheitert. Der General aber sammelt die Truppen neu. Stellt sie neu auf. Richtet den Verein auf. Nur ein Jahr später ist erfolgreich Revanche im Pokalfinale gegen Bremen genommen. Doch auch der stärkste Trainer braucht ein bisschen Hilfe von guten Freunden. Unterhaching gewährt sie.


Hitzfeld ist angekommen im Olymp. Zum ersten Mal seit zehn Jahren ist eine Meisterschaft erfolgreich verteidigt. Zum ersten Mal seit 14 Jahren das Double gewonnen. Und doch: Triumphalismus ist seine Sache nicht. Den „Vize-Meister Daum“-Gesang von Effenberg am Rathaus lässt er durchgehen. Ein Partyexzess. Gemein damit macht er sich nicht. Hitzfeld genießt still. Haltung bewahrend. Auch im Sieg. Zeig mir einen guten Verlierer, und ich zeige Dir einen Verlierer, heißt es. Zeig mir einen guten Gewinner und ich zeige Dir einen guten Menschen.

Haching lässt sich nicht toppen. Denken alle. Und scheinen Recht zu behalten. Im Grunde spielen die Bayern gemessen an ihren Ansprüchen eine unterirdische Bundesliga-Saison 2000/2001. Neun Niederlagen setzt es. Unter anderem in Cottbus und Unterhaching. Am Ende sind es beispiellose 63 Punkte. Franz Beckenbauer mosert sich von einem Klamauk-Höhepunkt zum nächsten. „Ich möchte auch einmal ein gutes Spiel sehen“, blafft er wutschnaubend nach einer peinlichen Heimniederlage. Hitzfeld erträgt es mit…Ach lassen wir das.

Hitzfeld weiß mehr als die Irrlichtgestalt. Er hat einen stillen Deal mit der Mannschaft gemacht. Lass uns in Ruhe mit der Meisterschaft. Samstags ist aktive Regeneration für die Highlights mit dem Sternenball. Dafür holen wir den Henkelpott. Die Mutter aller Niederlagen und das Halbfinalaus 2000 gegen Real, das man dreimal schlug und doch nicht überwand, haben einen fast manischen Ehrgeiz entfesselt. Der Menschenfischer Hitzfeld ist klug genug zu wissen, dass er die Nonchalance seiner Mannschaft gegenüber den nationalen Wettbewerben nicht verhindern kann. Er lässt sich öffentlich verdreschen für die teilweise peinlichen Darbietungen wie beim Pokal-Aus in Magdeburg (!). Stellt sich vor die Mannschaft. Selbst als der Kaiser – diesmal in der Champions League – erst die Traditionsmannschaft von Uwe Seeler und dann die Bayern-Profis beleidigt. Sie werden es ihm nicht vergessen. Sie werden liefern.

Als am letzten Spieltag unverhofft doch die Meisterschaft möglich ist, tritt Sergej Barbarez auf den Plan. 89. Minute. 1:0. Schalke ist Meister. Oder nicht. Gefragt, was er dachte, antwortet Hitzfeld: „Mit einer Standardsituation ist immer noch alles möglich. Und ich dachte, wenn wir hier verlieren, wird der Druck gegen Valencia ja unmenschlich.“ Zuversicht, strategische Weitsicht mitten im Chaos der negativen Emotionen. Und doch, dieser 19. Mai 2001 ist einer der raren Tage, an denen Hitzfeld aus sich herauskommt. Wie er mit Thorsten Fink den Entenkreisel tanzt, ist einfach wunderschön. Weil man es niemandem mehr gönnt als dem strengen Trainer.

Vier Tage später ist Hitzfeld eine Legende. Das Spiel gegen Valencia ist ein Spiegel seiner Amtszeit. Schön ist es nur selten. Die Bayern liegen eigentlich immer zurück. Verschießen in der regulären Spielzeit einen, im Elfmeterschießen zwei Elfmeter. Laufen immer hinterher. Um am Ende doch zu triumphieren. Dank schierem Willen. Weil sie nie aufgeben. Weil sie Haltung zeigen. Die Haltung, die ihr Trainer vorgelebt hat. Sinnbildlich ist die Szene, in der Oliver Kahn sein Gegenüber Santiago Canizares tröstet. Alles gewonnen und doch im Triumph das Mitgefühl für den zweiten Sieger nicht vergessen. Irgendwie waren sie alle ein bisschen Hitzfeld damals. Selbst der „immer weiter“-Oliver Kahn.

Rückkehr in allen Ehren
Zweieinhalb Jahre nach der Magath-Inthronisierung unter schändlichen Umständen kommt Hitzfeld zurück. Die alte Magie scheint verflogen. Das 0:3 im ersten Spiel in Nürnberg ist eines der schlechtesten Spiele der jüngeren Bayern-Geschichte. Andere Trainer würden fabulieren, in welch katastrophalem innerem Zustand sie die Mannschaft übernommen haben. Hitzfeld verweist nur auf arbeitsreiche folgende Wochen. Doch am Ende steht Platz vier. In insgesamt 14 Bundesliga-Jahren schloss Hitzfeld nie schlechter ab.

Wer außer ihm hätte das neuformierte Star-Ensemble um Ribéry, Toni und Klose anleiten sollen? Die Nothilfe wird zur zweiten (kurzen) Epoche. Mit Hitzfeld erleben die Bayern auch nach dem feststehenden Abgang nochmals alle Höhen (Getafe) und Tiefen (Sankt Petersburg) des Fußballerlebens. Nur 21 Gegentore fangen die Bayern. Rekord. Bis letztes Jahr. Ach ja: und das letzte Spiel, vor dem Hitzfeld die Tränen vergoss, gewannen die Bayern auch. Mit 4:1. Pflichtbewusst bis zum bittersüßen Ende. National erreicht man das dritte Double unter Anleitung des Generals. Ein Abgang in Perfektion. Auf dem Höhepunkt. Insgesamt sieben Meisterschaften, drei Pokale, zwei Champions-League-Triumphe, einen Weltpokal nimmt er mit in die Schweiz. Und diese Würde, die Größe, die man nicht lernen kann.

Die Nachfolger waren taktisch unbedarft (Philip Lahm über Jürgen Klinsmann) oder menschlich eine Katastrophe (Uli Hoeneß über Louis van Gaal). Die stolzgeschwellte Brust der Verpflichtung des Vaters des Sommermärchens ist längst eingesunken. „Wenn der Barack Obama ist, bin ich Mutter Theresa“, spottet der Präsident später über den schwäbischen Exilanten. Wohl auch, weil er dem Idealtypus des Bayern-Trainers nie gerecht wurde. Dem Idealtypus mit Namen Ottmar Hitzfeld. Niemand hat es besser formuliert als Marcel Reif beim Abschied in obigem Video:

Die Zahlen zu ihm habe ich Ihnen genannt. Aber dahinter steht ein Mann, da steht ein Mensch, der mit seiner Art und mit seiner menschlichen Größe ein Vorbild ist und hoffentlich ein Vorbild bleibt. Man kann Erfolg auch haben, wenn man so ist wie er. […] Niemand wird ihm seinen Respekt versagen. Niemand wird etwas anderes sagen, als: ‚Das ist der größte Trainer, den ich je hatte.‘“

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